Dein Schicksal bist du selbst!

Bruno Gröning, Oktober 1955
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Hinweis
Die Schreibweise wurde an die Richtlinien der aktuellen Rechtschreibung angepasst.


Jeder Mensch formt sich durch sein Denken, Sprechen und Handeln sein Schicksal selbst, im Guten wie im Bösen.

Was ist Schicksal? Ist es etwas, das von einer Gottheit uns auferlegt wird, dem wir aus unerklärlichen Gründen ausgesetzt sind, aus Gründen, die von uns nicht erforschbar sind, deren Folgen wir eben zu tragen haben, unschuldigerweise, ungerechterweise und für uns unverständlich?

„Warum legt Gott gerade mir so Schweres auf?“, so fragt man sich und fragt andere, „war ich nicht immer recht?“

„Wenn Gott so will, so muss ich es eben tragen, er wird schon wissen, warum es mir auferlegt ist“, so sagt der andere. Der Dritte gar, der schimpft und hadert und ist böse auf Gott und die Menschen. Soweit es uns gut geht, könnten wir uns leicht mit dem Gedanken befreunden, dass wir unser Schicksal selbst erwirken. Kommen aber Sorgen, Krankheit, Leid und Elend, dann suchen wir bestimmt die Ursache nicht bei uns selbst. Wir suchen bei anderen, beim Zufall und zuletzt bei Gott.

Aber es ist eine Gewissheit, dass das Schicksal nichts Zufälliges ist, nichts von außen kommt, von anderen Menschen oder gar von Gott.

Schicksal kommt aus dem Menschen selbst, aus uns selbst, ob es ein gütiges oder ein böses Schicksal ist. Schicksal ist die Auswirkung von Ursachen, die in uns selbst liegen, die von uns selbst ausgehen. Und wie sie in uns selbst liegen und von uns ausgehen, darüber wollen wir sprechen.

Seht, jeder Mensch kann handeln, wie er will, er kann sprechen, was er will, und er kann denken, was er will. Er ist frei im Tun, im Sprechen und im Denken, ganz frei. Es liegt ganz in seiner Entscheidung, Gutes oder Böses zu tun, Gutes oder Böses zu sprechen, Gutes oder Böses zu denken. Er kann es seit seiner frühesten Jugend tun und bis in das hohe Alter, er kann es bei Tage oder bei Nacht tun, im wachen Zustande oder im Traume. Immer steht es ihm frei, jede Minute des Tages und des Lebens.

Diese drei Dinge, das Tun, das Sprechen und das Denken, die sind es, die sind der Grund, die Ursache unseres Schicksals, und das Gute oder Böse ist es, das dieses Schicksal gut oder böse gestaltet. Wie der Widerhall, so kommen unsere Taten, unsere Worte und unsere Gedanken wieder auf uns zurück und gestalten das, was wir unser Schicksal nennen.

Es ist wie in einer Kette ein Glied an dem anderen hängt, so fest hängen Ursache und Wirkung aneinander gekettet. Oft folgen sie sich wie das Echo dem Rufe, oft ist die Ursache längst in Vergessenheit geraten, wenn die Wirkung spürbar wird. Aber die Ursache ist vorausgegangen, war da, sonst könnte keine Wirkung sein.

Der Mensch lebt sich durch sein Leben selbst hindurch, seine Freiheit zu Gutem oder zu Bösem nutzend und schafft so sein Schicksal. Das Gute in Taten, in Worten und in Gedanken und das Böse in Taten, in Worten und in Gedanken wirkt. Und es ist nicht so, dass das Böse durch das Gute ausgeglichen wird. Jedes wirkt für sich und wirkt sich voll aus und formt das Schicksal des Menschen.

Das, was ich sage, ist nichts Neues.

Die Religionen sprechen davon, dass Gutes belohnt und Böses bestraft wird. Sie sprechen davon, dass ein Gericht sein wird und eine Vergeltung. Das leuchtet uns ein und ist uns verständlich. Aber dieses Gericht und die Vergeltung, die erfolgen nicht nur nach dem Tode, und nicht Gott ist es, der uns richtet.

Durch unsere guten oder bösen Taten, unsere guten oder bösen Worte, unsere guten oder bösen Gedanken schaffen wir die Ursache und schaffen wir das Gericht. Das Gericht, das ist unser Schicksal, nicht aus Gott, sondern nur aus uns selbst wirkend. Durch gute Taten, Worte und Gedanken werden wir ein gütiges Schicksal, durch böse Taten, Worte und Gedanken ein böses Schicksal erwirken.

Nun werden viele fragen: Was ist gut, was ist böse? Sie fragen mit dem gleichen Rechte, wie Pilatus einst Jesus fragte:

Was ist Wahrheit?

Man könnte ein ganzes Lexikon aufstellen über gut und böse, und es wäre doch nur unvollständig, nicht vollkommen und nicht richtig. Es gibt aber eine Regel, die richtig ist, immer richtig ist: Höre in Stille auf dein Gewissen! Horche ganz abgeschaltet auf dieses dein Gewissen, abgeschaltet von dem Tun um dich, abgeschaltet von den Worten um dich und abgeschaltet von den Gedanken um dich. Horche in dich hinein, und lasse dein Gewissen dir sagen, was gut ist und was böse ist, und dieses Gewissen wird dir antworten. Und wie diese Antwort sein wird, so lasse es gelten, so ist es allein wahr. Denn dein Gewissen, das ist deine Seele, und deine Seele ist göttlich, ist Gott in dir.

Sie wird sich öffnen wie die Blume der Sonne, wenn es Gutes ist und wird sich verschließen, wenn es Böses ist. Das übe, und sorge, dass die Blume offen ist, dass sie das Licht sehen und genießen kann. So wird ein gutes Schicksal gestärkt oder ein böses Schicksal geschwächt werden. Denn dieses Üben und dieses Sorgen schafft das Böse aus uns und bringt das Gute in uns, und dieses Gute, das ist unsere Gesundheit, ist die Gnade, gesund sein zu können.

Das ist es, was sich jeder einprägen sollte, dass wir vom Bösen, von der Krankheit lassen sollen, dass wir uns abschalten sollen vom Bösen, dass das Gute in uns wirken kann, denn das Böse wirkt böse, und das Gute wirkt Gutes.

Und wenn wir das Gute, die Gesundheit, empfangen haben, dann wollen wir uns erinnern an die Worte, die Jesus an das geheilte Weib richtete: „Sündige hinfort nicht mehr, auf dass dir nicht noch Übleres widerfahre.“


Quelle:
Okkulte Stimme – Die andere Welt, Braunschweig, Nr. 10, 1955, Seite 16-17