Begreifliches und Unbegreifliches

E-MailPDFDrucken

Anneliese Bollack, 1972
Abschrift (PDF)


Hinweis
Die Schreibweise wurde an die Richtlinien der aktuellen Rechtschreibung angepasst. Worte in eckigen Klammern wurden zum besseren Verständnis hinzugefügt.


Angeregt durch den Artikel von Herrn Bavay in der August-Ausgabe der Mitteilung 1971, möchte ich auch über ein Erlebnis mit Herrn Gröning berichten, das mir durch die Erklärung, die mir Herr Gröning anschließend gab – begreiflich und doch wieder durch ihre Einmaligkeit unbegreiflich bleibt.

Es war im Jahre 1957, kurz vor Weihnachten. Frau Puchalka hat meinen Mann und mich eingeladen. Sie sagte: „Herr Gröning hält noch eine Weihnachtsfeier und kommt anschließend zu uns. Wenn Sie wollen, können Sie kommen und mit meinem Mann und mir auf seine Ankunft warten.“ Jeder, der von Herrn Gröning etwas weiß oder ihn kannte, wird verstehen, dass ich von Herzen gern dorthin bin.

Wir warteten also ungefähr vier Stunden auf Herrn Gröning, und wie das so üblich ist, haben wir uns in der Wartezeit unterhalten. Frau Puchalka erzählte uns, dass es der Wunsch von Herrn Gröning sei, dass sie Gemeinschaftsleiterin werden soll. Sie habe ihm aber erklärt, sie könne das nicht. Sie kenne die Lehre und könnte auch vor Menschen sprechen, aber sie könnte nicht vor ihr bekannten Menschen aufstehen und dann einen Vortrag halten, das könne sie einfach nicht. Sie sagte: „Wenn ihr jetzt sagen würdet, halte nun mal einen Vortrag, dann könnte ich das nicht.“ Dies war das erste Gesprächsthema.

Das zweite brachte ich. Meine Schwester war in den Wechseljahren und hatte da Schwierigkeiten. Sie erzählte mir damals: Immer wenn sie ein Geschäft käme, würden die Menschen schweigen, und sie würden Bemerkungen machen, dass sie nicht ganz normal sei, und von Kindern hätte sie das auch schon gehört. Auch ihr Mann würde jetzt sagen, sie sei nicht normal.

Als drittes Thema sprachen wir über Bilder und ihre Ausstrahlungen und dass man auch zu nicht lebenden Gegenständen ein Verhältnis gewinnen kann.

Wir hatten auch noch ein viertes Gesprächsthema, leider ist zu viel Zeit vergangen, und ich erinnere mich an dieses nicht mehr. Vielleicht erinnert sich eine der drei anderen Personen daran und berichtet wie ich darüber.

Kurz nach Mitternacht traf dann Herr Gröning ein. Wir waren alle sehr glücklich und froh. Frau Puchalka richtete Brote, und wir setzten uns zu Tisch. Ein Brot blieb übrig, und alle redeten mir zu, es doch zu essen. Aber ich lehnte ab, da ich durch die Krankheit schon 30 kg Übergewicht hatte. Mein Mann griff in das Gespräch ein und sagte: „Es hat keinen Zweck, meine Frau ist ein Dickkopf, und wenn sie nicht will, dann will sie nicht.“ Herr Gröning, der neben mir saß, schaute meinen Mann an und dann mich, wischte mit der Hand so kurz vor meinem Kopf weg, und da geschah was Eigenartiges. Für mich war es etwas Unbegreifliches. Die unterhielten sich alle weiter, ich konnte sie auch hören und verstehen, auch denken konnte ich. Aber irgendwie fehlte mir etwas. In meinem Kopf war es irgendwie leer. Ich weiß noch genau, dass ich dachte, man könnte fast glauben, mir hätte man mein Gehirn geklaut. Nach kurzer Zeit machte Herr Gröning wieder vor meinem Kopf eine Bewegung, so, als würde er was hinwerfen, und da war bei mir alles wieder in Ordnung. Er wandte sich an meinen Mann und sagte: „Lassen Sie nur Ihre Frau in Ruh, die ist schon in Ordnung.“ Hier möchte ich erwähnen, dass ich nach den Worten von Herrn Gröning nicht in den Wahn verfiel, ich sei nun schon vollkommen. Oh nein, ich kannte seine Lehre schon so gut, dass ich wusste, wir alle bleiben Schüler, solange wir leben. Ich entnahm daraus, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde.

Dann sah Herr Gröning mich an und sagte: „Wissen Sie, dass Sie sich dünn essen können?“ Ich sagte: „Nein, aber wenn Sie es sagen, dann glaube ich es.“ Heute, nach so langer Zeit, kann ich berichten, es hat gestimmt, ich habe mich dünn gegessen. Das Brötchen an dem Abend übrigens auch. Im Laufe der Jahre nahm ich immer mehr ab, obwohl ich unverschämt viel gegessen habe. 20 Eier zum Frühstück und 10 Koteletts zu Mittag. 20 kg sind verschwunden.

Nach dem Essen sagte Herr Gröning: „So, Frau Puchalka nun halten Sie mal einen Vortrag!“ Sie lachte und sagte: „Das kann ich nicht, gerade vorhin habe ich erklärt, dass ich das nicht kann.“ Er sagte: „Also, dann wissen Sie nicht, worauf es ankommt und wie sich ein Mensch verhalten muss, um die göttliche Ordnung zu erlangen!“ Sie: „Oh doch, das weiß ich.“ Er fragte sie Verschiedenes, und sie gab Antwort und hielt plötzlich einen herrlichen Vortrag. Herr Gröning stand auf einmal auf, und wir schauten ihn an. Da sagte er: „Ich will nur das Band einschalten, um Ihren Vortrag aufzunehmen.“ Da lachten wir alle sehr herzlich.

Nach einer Gesprächspause schaute er mich an und sagte: „Wissen Sie, wenn man einem Menschen laufend einredet, er sei verrückt, dass er es dann wird? Der Mensch wird unsicher und rückt immer mehr von seinen Gewohnheiten und Standpunkt ab aus Angst, und dann ist er verrückt.“ Ich erwähnte: „Ja, ich erlebe das gerade jetzt mit meiner Schwester, und sie ist schon sehr unsicher“.

Danach schaute er auf das Bild an der Wand und sprach: „So ein Bild hat nicht nur eine Ausstrahlung, sondern es nimmt auch alles auf, was in dem Haus geschieht, wo es sich befindet.“ Er erzählte uns eine Geschichte, die geschehen sei. Ein Wanderer kam in eine Hütte und schaute auf ein Bild. Da spielte sich auf dem Bild plötzlich ein Film ab. Der Mann sah einen Mord, sah alles ganz genau, wie es geschehen war und auch, wo man die Leiche hinbrachte. Er ging zur Polizei und berichtete. Man fand die Leiche genau dort, wo der Mann gesagt hatte, und alles hatte sich so zugetragen, wie der Mann es auf dem Bild gesehen hatte. Als er dann auch noch zu dem vierten Thema Stellung nahm, konnte ich nicht mehr schweigen und sagte: „Über alle diese Themen haben wir uns unterhalten, und Sie kommen und geben uns Antwort, wie ist das möglich? Sie waren doch nicht hier, sondern haben selbst einen Vortrag in einer Weihnachtsfeier gehalten? Woher wissen Sie, was wir gesprochen haben?“ Da sah er mich mit einem Lächeln an, wie ein Vater sein Kind ansieht, das nicht begreifen kann, dass der Vater mehr weiß und sagte: „Das liegt alles in der Luft. Kein Wort, das je ein Mensch gesprochen hat, geht verloren. Es liegt in der Luft, wird aufbewahrt im All. Ja, heute sind Menschen in der Lage, mit Apparaten Worte, [die] in weiter Entfernung gesprochen werden, wieder aufzufangen und durch die Apparate dem menschlichen Ohr verständlich zu machen. Ich habe also nur aufgenommen, was Sie gesprochen haben. Das ist ganz natürlich.“

Aber ich muss ganz ehrlich gestehen, für mich war das ganz und gar nicht natürlich. Von den Apparaten, von denen er sprach, wusste ich nichts, und noch nie vorher habe ich erlebt, dass ein Mensch in einen Raum kommt und ganz genau weiß, was dort in den letzten vier Stunden gesprochen wurde. Wahrscheinlich hat er meine Gedanken gelesen, denn er schaute mich wieder an und sprach: „Überlegen Sie mal, ist es noch nicht passiert, dass Sie zu Menschen kamen und wussten, die haben von mir gesprochen?“ Ich erinnerte mich, dass das einmal der Fall war und ich zu diesen Menschen sagte: „Fragt doch mich, ich kann euch auf alles von mir Auskunft geben.“ Sie haben dann zugegeben, von mir gesprochen zu haben. Da sagte Herr Gröning: „Sehen Sie, wenn es sich um seine eigene Person handelt, dann besitzt der Mensch noch einen Schimmer der Fähigkeiten, die Gott ihm zugedacht hat.“ Da war ich still. Es war mir auch nicht mehr unbegreiflich. Ich hatte verstanden. Er hatte diese Fähigkeiten, die Gott ihm zugedacht hat und benützte sie. Wir hatten sie außer Acht gelassen und verloren, wie so vieles, das Gott uns zugedacht hat. Begegnet uns dann so ein Kind Gottes wie er, dann stehen wir sprachlos da und staunen und begreifen es nicht, wie das alles möglich ist, was er tut. Dabei benützt er nur das, was Gott allen seinen Kindern zudenkt, wir nehmen es nur nicht an und benützen es nicht, und so verkümmert es bei uns.

Genauso wie die meisten Menschen, auch ich, nicht fähig sind, den geistigen Heilstrom aufzunehmen. Wenn ich es heute kann, so nur durch die Belehrung durch Bruno Gröning. Heute ist das Empfangen vom göttlichen Heilstrom für mich selbstverständlich und ohne Wunder. Ich bitte, empfange und danke! Wie ein Kind, das von seinem Vater was erbittet. Ich wurde durch die Unordnung in meinem Körper gezwungen, diese Fähigkeit wiederzuerlernen und -erlangen. Jetzt habe ich gelernt. Daher weiß ich, würde mich was zwingen oder wäre es mein Wunsch, dann könnte ich auch lernen, Worte aufzunehmen, die vor Stunden gesprochen wurden. Damit will ich sagen, für mich ist das nicht mehr unbegreiflich. Allerdings gibt es auch für mich noch viel Unbegreifliches, das durch Bruno Gröning geschah. Zum Beispiel wird jeder begreifen, dass ich nicht gefragt habe: „Sagen Sie mal, Herr Gröning, haben Sie mir vorhin mein Hirn geklaut?“ Nicht mal ich wagte, so etwas zu fragen, denn ich dachte, das ist doch blöd und gibt es nicht. Also schwieg ich dazu. Heute würde ich fragen, denn die Zukunft hat mir bewiesen, dass damals wirklich etwas geschehen ist. Was, das weiß ich selbst nicht, denn heute, nach fast 18 Jahren, ist es mir immer noch unbegreiflich.

Das Erste, was man bei Herrn Gröning lernte, war, auf seine Gedanken zu achten. Worte von ihm: „Der Gedanke bewegt den Menschen zur Tat!“ Natürlich zogen mir immer noch Gedanken durch den Sinn, die nicht gut waren, und ich hatte mir angewöhnt, sofort dreimal in Gedanken „Nein, nein!“ zu sagen und so den unguten Gedanken auszulöschen. Nach diesem Abend merkte ich nun auf einmal, dass ich das los war. Ich brauchte nicht mehr „Nein, nein!“ zu sagen, denn ich hatte keine unguten Gedanken mehr im Kopf. Das wunderte mich sehr, und ich fing an, zurückzudenken, seit wann das so ist, und da stellte ich fest, seit damals, als ich das Gefühl hatte, Herr Gröning hätte mir mein Hirn weggenommen. Natürlich war ich sehr glücklich darüber. Nach dem Heimgang von Herrn Gröning, es waren Jahre vergangen, hatte ich plötzlich wieder mit meinen Gedanken zu kämpfen. Mit Freunden aus der Gemeinschaft fuhren wir zur Grabstätte unseres Freundes Bruno Gröning. Am Grab war nicht viel, aber ein wenig Unkraut. Ich entfernte es und dachte dabei: „Lieber Bruno, du hast mir einmal mein Unkraut aus dem Kopf entfernt, und ich tue es nun an deinem Grab. Wie froh wäre ich, wenn du wieder Ordnung in meinem Kopf machen würdest.“ Anschließend setzten wir uns auf eine Bank, und da geschah es wieder. Nur war ich dieses Mal nicht erstaunt und verblüfft, sondern voller Glück, denn ich wusste, was geschieht und dass ich nun wieder frei sein werde von allen Gedanken, die nicht gut sind. Und so war es auch. Ich habe von ganzem Herzen dafür gedankt und es als Geschenk genommen, obwohl es mir heute noch unbegreiflich ist. Würde ich heute feststellen, dass mich ungute Gedanken quälen, so würde ich mich sofort hinsetzen, mich konzentrieren und Bruno bitten, wieder Ordnung zu machen, und ich weiß 100%, er würde es sofort tun. Auch wenn ich es nicht begreifen kann, auch wenn ich es nicht verstehen und erklären kann, so weiß ich doch, dass es geschieht; dies weiß ich aus der Erfahrung von 18 Jahren.

Hab es erlebt an mir und beobachtet an anderen, die Hilfe erhielten, ohne dass sie es selbst wahrnahmen. Bei einem Vortrag sagte Herr Gröning: „Wer will, kann sich eine Kugel für einen lieben Menschen mitnehmen, sie wird dem helfen, auch wenn dieser Mensch nicht glaubt. Es genügt, wenn Sie für ihn glauben.“ Mein Mann war immer mit einem lästigen Schnupfen behaftet. Meist bekam er ihn Sonntag, wenn wir in seinem Elternhaus waren. Einmal mussten wir fluchtartig das Haus verlassen, weil man wegen der ewigen Nieserei doch kein Wort verstand. Mein Mann glaubte damals nicht an die Lehre von Bruno. So sagte ich ihm nichts und legte die Kugel einfach unter die Matratze und dachte: „Der lästige Schnupfen soll verschwinden.“ Nach einem Jahr sagte ich zu meinem Mann: „Nun hast du schon über ein Jahr keinen Schnupfen mehr.“ Er war mehr als verblüfft und erstaunt. Ich erzählte ihm und seinen Eltern von der Kugel, und mein Schwiegervater sagte: „Eine Kugel, von der er selbst nichts weiß, soll ihm helfen, musst du da nicht lachen?“ Nein, ich musste nicht lachen, denn ich wusste nicht wieso, aber ich wusste, es geschieht.

Vor ungefähr acht Tagen hat mein Mann ein paar Mal niesen müssen, da sagte er: „Nun habe ich 15 Jahre keinen Schnupfen mehr gehabt, wo kommt denn der jetzt her?“ Zum Glück bekam er trotz Niesen keinen Schnupfen. Aber mir brachte dieser Satz die Geschichte wieder in Erinnerung. Auch diese Heilung gehört für mich zu dem Unbegreiflichen.

Anneliese Bollack
Mannheim
Gemeinschaftsleiterin


Quelle:
FREIE ARBEITSGEMEINSCHAFT BRUNO GRÖNING (Hrsg.): Das Tor zum Weg (Stephanskirchen bei Rosenheim 1972) Nr. 1, S. 12-17