Brief von Candidus Caerulus an den bayerischen Ministerpräsidenten Hans Ehard

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Candidus Caerulus, München, 5.9.1949 
Abschrift (PDF)

Vorbemerkung
Ende August 1949 begann Bruno Gröning damit, auf dem sogenannten „Traberhof“ im bayerischen Rosenheim Glaubensvorträge vor Tausenden von Zuhörern abzuhalten. Viele Hilfesuchende befürchteten daraufhin, die bayerische Regierung werde ihm zum Vorwurf machen, er verstoße somit gegen das Heilpraktikergesetz und ein Verbot aussprechen wie wenige Monate zuvor im westfälischen Herford. Zudem war das Gerücht aufgekommen, Gröning wolle nach Amerika auswandern, weil ihn dort weniger bürokratische Hürden behindern würden. In der Folge gingen beim bayerischen Ministerpräsidenten Hans Ehard Dutzende Briefe ein, deren Verfasser inständig darum baten, Bruno Gröning keine Steine in den Weg zu legen.


Hinweis
Die Schreibweise wurde an die Richtlinien der aktuellen Rechtschreibung angepasst.

München, 5. Sept. 49

An den Bayerischen Ministerpräsidenten
Herrn Dr. Hans Ehard
München

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident!

Als einfacher Staatsbürger drängt es mich, angesichts der bedauerlichen Entwicklung im Fall Gröning, Ihnen meine diesbezügliche Ansicht zum Ausdruck zu bringen.

Ich halte es nämlich für eine unerhörte Schmach und Schande, dass die bayerische Staatsregierung den verdienstvollsten Mann unseres Landes, den aufrichtigen Freund der Menschheit, Bruno Gröning, zur Emigration zwingt.

Die Anwendung eines längst reformbedürftigen Nazi-Gesetzes auf Gröning, um diesem seine segensreiche Heiltätigkeit zu untersagen, ist wohl eine der erbärmlichsten und engstirnigsten Maßnahmen, die sich die „christliche“ SU-Regierung bisher geleistet hat.

Man kann nur Tag und Nacht wünschen, der Fluch, der tausendfache Fluch des Himmels, möge jene brutalen Machthaber treffen, die frömmelnd erhobenen Blickes in Wahrheit die leidende Menschheit mit Füßen treten, wie es der Fall Gröning zur Genüge dargetan hat.

Die wiederholten Behauptungen der CS-Parteileitung, im „christlichen“ Geiste zu handeln, sind anscheinend nur eine bewusste Spekulation auf die Dummheit gewisser primitiver Kreise unter der Landbevölkerung und bei manchen alten Leutchen auch in der Großstadt. Der Ekel könnte einem hochsteigen vor diesen brutal-egoistischen Futterkrippen-Jägern einer schwindsüchtigen Regierungspartei, die nicht im Interesse des Volkes, sondern im Interesse ihres eigenen Schmerbauches sich an den höchsten und verantwortungsvollsten Ämtern des Staates festklammern.

Möge die Haltung unserer verantwortlichen Regierungsstellen im Falle des Menschenfreundes Bruno Gröning, der als wahrer Tatchrist gewirkt hat, auch die primitivsten Naturen in unserem Volke davon überzeugen, dass sie nicht eine „christliche“, sondern eine zutiefst unchristliche Partei, resp. deren Bonzenclique gewählt haben.

Seien Sie mir bitte nicht böse ob dieses Schreibens, geehrter Herr Ministerpräsident, denn als Demokrat glaubte ich das Recht zu haben, auch einem so maßgeblichen Manne wie Ihnen gegenüber meine Meinung zu äußern.

Ergebenst Ihr Candidus Caerulus

Quelle:
Archiv Bruno Gröning Stiftung