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Brief von Rudolf Haendler an den bayerischen Ministerpräsidenten Hans Ehard

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Rudolf Haendler, Marburg/Lahn, 9.9.1949
Abschrift (PDF)


Vorbemerkung
Ende August 1949 begann Bruno Gröning damit, auf dem sogenannten „Traberhof“ im bayerischen Rosenheim Glaubensvorträge vor Tausenden von Zuhörern abzuhalten. Viele Hilfesuchende befürchteten daraufhin, die bayerische Regierung werde ihm zum Vorwurf machen, er verstoße somit gegen das Heilpraktikergesetz und ein Verbot aussprechen wie wenige Monate zuvor im westfälischen Herford. Zudem war das Gerücht aufgekommen, Gröning wolle nach Amerika auswandern, weil ihn dort weniger bürokratische Hürden behindern würden. In der Folge gingen beim bayerischen Ministerpräsidenten Hans Ehard Dutzende Briefe ein, deren Verfasser inständig darum baten, Bruno Gröning keine Steine in den Weg zu legen.


Hinweis
Die Schreibweise wurde an die Richtlinien der aktuellen Rechtschreibung angepasst. Alle Unterstreichungen wurden wie im Original vorgenommen.

 

(16) Marburg/Lahn, 9. Sept. 1949
Heusingerstr. 3 pt.

Herrn Ministerpräsident des Landes Bayern
München

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident!

Heute lese ich, dass Herr Bruno Gröning in den nächsten Tagen Deutschland verlassen und nach Amerika reisen wird.

Herr Ministerpräsident, die Abreise müssen Sie verhindern, indem Sie Herrn Gröning die sofortige Zulassung als Heilpraktiker erteilen. Setzen Sie dieselben Bedingungen, die Mr. R. R. Lord im Stab des amerikanischen Militärgouverneurs für Bayern genannt hat, und Herr Gröning kann seine wohl nicht mehr abzustreitende Heiltätigkeit zum Segen unzähliger Menschen in Deutschland fortsetzen.

Bedenken aller Art, auch in juristischer Hinsicht, müssen wegfallen. Wie vielen Menschen können anerkannte Ärzte nicht helfen, so auch mir. Ich leide seit über 20 Jahren an fortschreitendem Muskelschwund und war vergeblich in Behandlung von namhaften Wissenschaftlern, z. B. von den Herren Professoren Kehrer, Universität Münster i. W., Kretzschmer, Universität Marburg/L, v. Varga, Stadtkrankenhaus Siegen i. W.

Meine ganze Hoffnung hatte ich auf Herrn Gröning gesetzt und wollte nur die Aufhebung des Heilverbotes abwarten, und nun wollen Sie mir auch diese Hoffnung nehmen? Wissen Sie, was das für uns Kranke bedeutet?

Ob Gröning in jedem Fall helfen kann, weiß niemand, aber lassen wir uns nicht von Amerika beschämen. Wenn in USA die Behörden keine Bedenken haben, warum dann die deutschen Behörden?

Herr Ministerpräsident, überwinden Sie die vermeintlichen Schwierigkeiten. Unzählige Mensch werden es Ihnen danken, ganz gleich, ob Gröning uns helfen kann oder nicht, denn er hat Vielen schon geholfen.

Hochachtungsvoll

Rudolf Haendler

 

Quelle:
Archiv Bruno Gröning Stiftung