Das Phänomen Bruno Gröning

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Hella Emrich, 1976
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Die Schreibweise wurde an die Richtlinien der aktuellen Rechtschreibung angepasst.


„Der beste Weg, das Quacksalbertum auf ein Minimum zu reduzieren, wäre eine aufgeschlossene Einstellung der offiziellen Medizin zur Paramedizin, eine friedliche Koexistenz der streng rational, kausalanalytisch vorgehenden Schulmedizin und der mehr aus der Beobachtung und der Intuition schöpfenden und ganzheitlich, synthetisch denkenden Paramedizin.“
Dr. rer. nat. A. Steher


Das Thema Bruno Gröning stand in den 50er Jahren im Mittelpunkt der Auseinandersetzung zwischen Schulmedizinern und Heilpraktikern. Gröning, der bereits 1949 mit seinen sensationellen Heilerfolgen den heftigsten Widerstand der medizinischen Wissenschaft auslöste, blieb – auch nach seinem Tode – eine rätselhafte Erscheinung der geistigen Heilgeschichte.

Als Gröning am 26. Januar 1958 [sic!]1 nach einem schweren Krebsleiden gestorben war, wusste man noch nicht, dass in München am 23. Januar die Staatsanwaltschaft im letzten Prozess gegen Gröning Gefängnisstrafe gefordert hatte. Diese letzte Herausforderung seiner Gegner blieb ihm durch den Tod erspart.

War Bruno Gröning ein eifriger Glaubensträger, ein Wundertäter? War er begnadet, intuitiv? Wie heilte er? Diese und ähnliche Fragen wurden oft an ihn und seine Manager gestellt. Wer jedoch Bruno Gröning persönlich kannte, weiß, dass seine Heilkunst in ihrem tiefsten Wesen inspirativ und darum völlig unsystematisch gewesen ist. In jedem einzelnen Fall handelte er nach der Eingebung des Augenblicks. Als bekannt wurde, dass Gröning bei Massenkundgebungen in Herford zahlreiche Heilungen mit Erfolg durchgeführt hatte, strömten ihm von allen Ländern der Welt Kranke zu.

Die Heilerfolge mehrten sich blitzartig, sodass sie Gröning selbst überraschten und beunruhigten; sie trugen seinen Namen und die Kunde von seinen Wunderheilungen in alle Welt. Das Ergebnis war, dass sich bald die Ärzteschaft um ihn eifrig kümmerte; nicht etwa im wohlwollenden und prüfenden Sinne, sondern mit Befremden und Empörung. Man suchte mit allen Mitteln, den „Gegner“ unschädlich zu machen. Aber die Zahl der Heilerfolge, die Gröning vollbrachte, wuchs von Tag zu Tag. Die Anzahl der Teilnehmer bei den Massenkundgebungen, bei deren Ablauf oftmals die erstaunlichsten Heilungen zustande kamen, nahm ständig zu. Gruppen bildeten sich, die leidenschaftlich für oder gegen Gröning kämpften. Es entstand ein Gröning-Rummel, in dessen Gefolge geschäftstüchtige „Manager“ auftraten, von deren Machenschaften Gröning selbst keine Ahnung hatte.

Von frühester Jugend an hatte Bruno Gröning ein hartes Leben, er musste schwer arbeiten; viele Ungerechtigkeiten wurden ihm schon in der Kindheit zugefügt, die man heutzutage als soziales Unrecht bezeichnen würde. Er murrte niemals. Sein Verhalten war eher demütig, passiv. Wenn ihm in den Jahren seines Erfolges reiche Patienten für die vollbrachte Heilung hohe Geldbeträge boten, pflegte er zu sagen: „Ich verkaufe keine Gesundheit.“ Solche Angebote ließen oft den Kontakt zum Kranken jäh erlöschen, sodass Gröning die Behandlung unterbrechen musste. Man würde es nicht für möglich halten – wenn nur die Presseberichte berücksichtigt

würden –, dass für Gröning Geld, Rang oder Titel wenig bedeuteten. Er selbst hatte selten viel Geld, wohl aber seine tüchtigen Manager. Allerdings träumte Gröning oft davon, durch legitime Heiltätigkeit zu größeren Mitteln zu kommen, um diese für den Aufbau von Heilanstalten, Altersheimen und anderen karitativen Zwecken zu verwenden. Bis in seine letzten Lebenstage hinein verfolgte er humanitäre Pläne und hoffte, ein größeres Stiftungsvermögen zu sammeln, um dieses in internationale Hilfsorganisationen anzulegen. Er war sich stets dessen bewusst, dass ihm die Fähigkeiten gegeben sind, kranken Menschen Hilfe zu bringen. Immer quälte es ihn, wenn sich seine Pläne durch äußere Umstände zerschlugen.

Bruno Gröning hinterließ nur einen Lehrsatz: Gott zu vertrauen und die Menschen zu lieben.

„Ich will die Menschen zum Gottesglauben zurückführen; ER wird sie heilen“, war der Hauptinhalt seiner Heilungslehre.

Die moderne Psychologie hätte Gröning als einen der bedeutendsten Intuitiven unserer Zeit anerkennen müssen. Die Intuition, die „Eingebung“, ist ein ursprüngliches, gewissermaßen künstlerisches Phänomen, und jene hatten in dieser Hinsicht nicht unrecht, die Gröning als einen Heilkünstler bezeichneten. Als intuitiver Heiler fiel er nur deshalb unter die sogenannten „Okkulten“, weil das Wesen der Intuition sich der wissenschaftlichen Methodik verschließt.

Nach seinen eigenen Aussagen in hinterlassenen Dokumenten, in denen Gröning übrigens ganz anders erscheint, als ihn die Presse schilderte, besaß Gröning „verborgene Kräfte“, die er nicht als sein Verdienst, sondern als Gnade und Auftrag auffasste. Mithilfe dieser Kräfte vermochte er Erscheinungen hervorzurufen, die den anerkannten Begriffen des Psychischen, Biologischen und Mechanischen, ja des Rationalen, widersprachen. Somit ist Grönings Heiltätigkeit ganz unmittelbar in das Gebiet des „Okkulten“, aber nicht des Okkultismus, eingereiht worden. Auf diese Weise könnte auch die Tatsache erklärt werden, dass die okkultistischen Organisationen der Welt sich um Gröning nie kümmerten, sich nicht einmal theoretisch mit dem okkulten Phänomen Grönings auseinandersetzten. Und doch fehlte nichts in seinem Wirken, was nicht Probleme des Okkultismus im besten Sinne des Wortes sind: Hellsehen, Fernheilen, Prognostik und Ferndiagnose.

Bruno Gröning war an sich eine tragische Erscheinung. Der gefeierte, verspottete „Wunderdoktor“ und Glaubensträger stand stets im Zwielicht zwischen dem realen Sein und einem Schatten, der ihm zur seelischen Last geworden ist. In seinen Vorträgen betonte Gröning immer wieder, dass jeder Heilungsvorgang, den er hervorruft, ausnahmslos als eine Selbstheilung hinsichtlich des Weges zu verstehen ist, den die heilende Kraft nimmt, gleichviel, ob es sich dabei um die Kraft eines geistigen Heilers handelt oder ein Gotteswunder dabei mitgewirkt hätte. Die Heilkraft dringt ordnend und heilend über die Seele nach außen und innen. So etwas sei nach Grönings Meinung nur dann möglich, wenn das persönliche Vertrauensverhältnis zur Person des Glaubensträgers und Heilers oder auch, weiter gefasst, das Vertrauen auf die Macht des Lebens, das wirkliche Gottvertrauen im Glauben, hergestellt ist.

Ferndiagnosen und Fernheilungen geschahen durch Gröning zu vielen Hunderten, wenn nicht Tausenden. Vor allem seit seinem öffentlichen Auftreten am 9. September 1949.

In den spannungsreichen Tagen vom 29., 30. und 31. August 1949 erfolgten vor dem Traberhof zahlreiche sensationelle Wunderheilungen, also noch bevor Gröning selbst dort eintraf. Berühmt wurde jene Heilung, die Gröning, von Bad Wiessee, also Tausende von Meilen entfernt aus, in Brasilien einleitete und durchführte. Sie erfolgte aufgrund einer Ferndiagnose und dem Heilersuchen durch die Ehefrau des Erkrankten, die sich ganz zufällig in Deutschland aufhielt und von Gröning hörte und ihn aufsuchte.

Auch sonst gab es viele Heilungen von Kranken, die Gröning weder zu Gesicht bekommen, noch von denen er auch jemals etwas gehört hatte. Handelte es sich um Fernheilungen, pflegte Gröning in erster Linie die Ferndiagnose über den Zustand des Kranken aufgrund von Informationen und Aussagen der Familienangehörigen zu beschaffen. Dann erst sandte er dem Patienten individuell fernwirkend die Heilkraft. Fragte man nun Gröning, wie er diese doch seltsamen Vorkommnisse erklären könne, antwortete er:

„Es gibt vieles, das nicht erklärt werden kann und nichts, das nicht geschehen kann.“

Die berühmt gewordenen Stanniolkugeln Grönings entstanden durch einen Zufall. Die erste knüllte Gröning aus einem zufällig auf seinem Tisch liegenden Schokoladenstanniolpapier zusammen. Er hätte genauso gut ein anderes Papier nehmen können. „Wichtig an den Stanniolkugeln“, sagte Gröning, „was bei jedem Talisman von Bedeutung ist: dass sie aufgeladen werden.“ Auf die Frage, mit was aufgeladen? antwortete er: „Mit dem Heilwillen und der Heilkraft eines Menschen, der wirklich helfen und heilen kann, ja, eines berufenen Menschen.“ Die Motivation der Stanniolkugel-Affäre mag diskreditierend gewirkt haben. Auf alle Fälle wäre es sowohl für Gröning wie auch für die Hilfe suchenden Kranken besser gewesen, wenn es keine Stanniolkugel-Affäre gegeben hätte. Dass auch die Manager Grönings mit Stanniol gute Geschäfte gemacht haben, weiß man aus der damaligen Presse.

Wenn Bruno Gröning von bestimmten Kreisen völlig verkannt und verleumdet wurde, so nicht zuletzt darum, weil er seinen Zeitgenossen zu einseitig als Wunderheiler dargestellt wurde. Seine ehrlich gemeinte Menschenliebe wurde allzu betont nach außen sichtbar, ja verschleierte sein eigentliches und sehr differenziertes Wesen: den Christen, den Künder und Verkünder. Der Kern seines Lebensinhalts und seines Strebens war nur wenigen, allzu wenigen bekannt.

„Ich muss (beim Kranken) beleben“, pflegte Gröning zu sagen, „was (in ihm) so lange schon gestorben war. Nicht immer ist es gleich zu fühlen, dass in ihm ein neues Leben eingezogen ist. Oft muss man darauf lange warten. Aber dann geschieht es ganz plötzlich. Wenn er sich nicht unterdessen wieder vom Bösen, vom Geiste des Zweifels und der Kleingläubigkeit anrühren ließ.“

„Sie sind gut, Gröning!“ sagte ein Mann, der nicht auf seiner Seite stand, nach einer längeren Unterhaltung zu ihm. „Sie irren!“, entgegnete ihm Gröning. „Ich bin nicht gut. Ich versuche nur, Gottes Güte nachzuleben.“


Quelle:
EMRICH, Hella: Geheimnisse der Wunderheilungen. Versuch einer objektiven Darstellung umstrittener Probleme der Heilkunde. Baden-Baden, Metzmaier-Verlag,1976, S. 73-79.



1 Bruno Gröning starb am 26. Januar 1959.