Leumundszeugnis

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Dr. Hermann Kunst1, Herford, 23.7.1957
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Hinweis

Die Schreibweise wurde an die Richtlinien der aktuellen Rechtschreibung angepasst.


DER BEVOLLMÄCHTIGTE
DES RATES DER EVANGELISCHEN KIRCHE
IN DEUTSCHLAND AM SITZ DER BUNDES-
REPUBLIK DEUTSCHLAND

BONN A. RH., DEN 23. JULI 1957
POPPELSDORFER ALLEE 96
FERNSPRECHER 5 11 41/42

 

Herrn
Rechtsanwalt Dr. Schwander
Heidelberg
Gaisbergstraße 2

 

Sehr geehrter Herr Rechtsanwalt!

Die feierliche Ratifikation des Staatsvertrages der Evangelischen Kirche in Deutschland mit der Bundesrepublik Deutschland zur Regelung der evangelischen Militärseelsorge wird am 30. Juli stattfinden. Der Termin war mit der Bundesregierung vereinbart, bevor ich Kenntnis hatte davon, dass der Prozess gegen Herrn Gröning für den 30. und 31. Juli festgesetzt worden ist.

Alle Vollmachten sind für mich bereits unterschrieben und gesiegelt. Auf diese Weise werde ich unter keinen Umständen in München sein können.

Ich habe aber Herrn Gröning eine Erklärung zugeleitet, wovon Sie in der Anlage eine Abschrift bekommen. Vielleicht kann sie Ihnen einen gewissen Dienst tun.

Herrn Gröning gebe ich unmittelbar eine Abschrift dieses Briefes an Sie.

Mit angelegentlichen Empfehlungen bin ich

Ihr ergebener

gez. Dr. Kunst

Anlage

 

 

DER BEVOLLMÄCHTIGTE
DES RATES DER EVANGELISCHEN KIRCHE
IN DEUTSCHLAND AM SITZ DER BUNDES-
REPUBLIK DEUTSCHLAND
PRÄLAT D. KUNST

BONN A. RH., DEN 23. JULI 1957
POPPELSDORFER ALLEE 96
FERNSPRECHER 5 11 41/42


Als Herr Bruno Gröning im Jahre 1949 nach Herford kam, war nach kurzer Zeit die ganze Stadt und die Umgebung von Gerüchten über seine Heilerfolge erfüllt. Die Lokalzeitungen, insbesondere die „Freie Presse“, brachten ausführliche Artikel. Die Pressevertreter brachten mich – ich war damals Superintendent des Kirchenkreises Herford – mit Herrn Gröning zusammen. Er war auch mehrmals zu Gesprächen in meinem Haus. Die Verhältnisse wurden von Woche zu Woche tumultartiger. Es kamen Tausende von Menschen aus der Bundesrepublik und aus dem Ausland, um bei Herrn Gröning Hilfe zu finden. Als der Oberstadtdirektor von Herford Herrn Gröning seine Tätigkeit untersagen wollte, bestand die Gefahr, dass von der erregten mehrtausendköpfigen Menge das Rathaus gestürmt wurde. Es wurde eine Prüfungskommission eingesetzt, in der der Oberstadtdirektor Meister von Herford, Herr Professor Dr. Schorsch aus Bethel und die zuständigen Medizinalräte der Regierung in Detmold waren. Für einige Zeit habe ich den Vorsitz in diesem Ausschuss geführt.

Die Prüfungskommission nahm ihre Arbeit so wahr, dass sie Verhandlungen mit Herrn Gröning führte und sich Geheilte vorstellen ließ. Die Verhandlungen mit Herrn Gröning waren deshalb so gut wie vollständig unergiebig, weil die Mediziner Herrn Gröning unter den Kategorien und im Vokabular der Schulmedizin ansprachen. Es stellte sich heraus, dass Herr Gröning keinen, der zu ihm kam, untersuchte. Mir ist kein Fall bekannt geworden, in dem Herr Gröning einen Patienten körperlich berührt hat. Nie ist mir bekannt geworden, dass er einen Kranken zu bewegen suchte, auf die Hilfe der Fachmediziner zu verzichten. Er verordnete auch keine Medikamente. Seine offenkundigen Erfolge kann ich mir bis heute nur so erklären, dass er eine ungewöhnliche Begabung hat, die psychische Komponente einer Krankheit anzusprechen. So erkläre ich mir die Erfolge, die er bei rheumatischen Erkrankungen und bei bestimmten Magenleiden hatte.

Sprach er mit den Kranken, ging von ihm eine unbeirrbare Festigkeit aus, die ihren Eindruck auf die Kranken selten verfehlte.

In besonderer Erinnerung blieb mir ein Fall aus meiner eigenen Gemeinde. Ein etwa fünfzehnjähriger Junge litt unter heftigem Asthma. Jahre hindurch musste er in jeder Nacht zwei- bis dreimal wegen heftiger Atemnot aufstehen. Er hat an einem Abend

in der großen Menge im Hofe des Hauses, von dessen Balkon Herr Gröning sprach, ;gestanden. Es hat keine persönliche Begegnung zwischen Herrn Gröning und dem Jungen stattgefunden. Von Stund an war der Junge seine Asthmabeschwerden los. Diese Hilfe hat zwei Jahre angehalten. Dann habe ich Herford verlassen und den Jungen aus dem Auge verloren.

In dem Zimmer, in dem Herr Gröning Kranke empfing, war er immer umgeben von einem Stab seiner Mitarbeiter. Auf einem Tisch stand eine Schale, in der ich regelmäßig Geld gesehen habe. Es ist mir kein Fall bekannt geworden, bei dem Herr Gröning von einem von ihm behandelten Menschen Geld verlangt hatte. Ich kann keine Aussage darüber machen, wie die Gelder verwandt wurden. Soweit ich es zu beobachten vermochte, lebte Herr Gröning für sich persönlich außerordentlich bescheiden. Ich habe weder in seiner Kleidung noch in seinem sonstigen Lebensstil irgendeinen Aufwand bemerkt.

Als die Verhältnisse in Herford durch den Ansturm der Menschen immer schwieriger wurden, bat mich der Regierungspräsident von Detmold, Herr Drake, zu einer Besprechung, an der nach meiner Erinnerung alle leitenden Herren der Regierung teilnahmen. Es wurde mir in dieser Verhandlung deutlich, dass die Medizinalräte der Regierung Detmold mit großer Sorgfalt die Tätigkeit von Herrn Gröning beobachte- ten. Es hat sich nach meiner Erinnerung bei den Erhebungen nichts herausgestellt, was Anlass zu einer Klage gegen Herrn Gröning hätte geben können. Ich habe Herrn Gröning mehrfach gebeten, sich in einer Klinik einer Universität Psychiatern zur Verfügung zu stellen, dass sie seine Heilmethode und seine Erfolge prüften. Herr Gröning hat dieser Bitte schließlich in Heidelberg entsprochen. Über seine weitere Tätigkeit vermag ich keine Aussagen zu machen.

[Unterschrift]
H. Kunst

Quelle:
Archiv Bruno Gröning Stiftung

 

1 Anmerkung der Bruno Gröning Stiftung: Dr. h.c. Hermann Kunst, Herford, war von 1950 bis 1977 Bevollmächtigter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bei der Bundesregierung und von 1957 bis 1972 Militärbischof.