Nun geht es schon bald auf die schöne Adventszeit zu …

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Anny Pelz, November 1975
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Die Schreibweise wurde den Regeln der aktuellen Rechtschreibung angepasst.



Ein herzliches Grüß Gott, meine lieben Freunde!

Nun geht es schon bald auf die schöne Adventszeit zu. Advent, das bedeutet Vorbereitung auf das höchste Fest des Jahres, auf Weihnacht! In Erinnerung an die glückliche Zeit, als unser Freund und Meister Bruno Gröning noch unter uns auf dieser Erde weilte, möchte ich heute von Weihnachtsfeiern in Rosenheim erzählen, wie wir sie damals gestalteten, vorbereiteten und schließlich begingen. Diese wunderbaren Erlebnisse in Worte zu kleiden, fällt mir schwer, denn um das zu schildern, was ich damals empfand, könnte mir vielleicht als Schwärmerei ausgelegt werden und das möchte ich nicht. Wer mit mir einmal das Glück hatte, in den Jahren 1954 bis 1957 eine Weihnachtsfeier mit Bruno Gröning zu erleben, wird mir bestimmt recht geben, wenn ich sage: „…nicht weinen, weil sie vorüber, sondern lächeln, dass sie gewesen.“ (Tagore)

Ich erinnere mich z. B. an Weihnachtsfeiern, abgehalten im Vegetarischen Restaurant in Rosenheim, als sich noch nicht so viele Anhänger Bruno Grönings meldeten, um dieser Feierstunde beizuwohnen. Wir schmückten den Raum mit Tannengrün, Lametta und Kerzen, und da ein Klavier vorhanden war, probten wir rasch noch vor der Feier zweistimmig das Lied „Süßer die Glocken nie klingen“, und Frl. Anni Huber begleitete uns dazu. Das war das erste Mal, dass ich vor Bruno und den Teilnehmern an der Feier etwas zur Gestaltung beitragen durfte. Nach diesem Lied kam die Begrüßung des Gemeinschaftsleiters und gleich anschließend ein wunderbarer Vortrag von Bruno Gröning.

Liebe Freunde, glauben Sie mir, was er damals gesprochen hat, weiß ich heute nicht mehr. Nur eines bleibt mir unvergessen: Damals war ich noch nicht frei von Belastungen – ich erzählte Ihnen schon früher einmal, dass ich jahrelang an Zwölffingerdarmgeschwüren litt – und weil mein Platz ziemlich weit hinten im Raum bei meinem Mann gewesen wäre und ich nicht stören wollte, nahm ich auf dem Klavierstuhl Platz und lauschte angespannt den Worten Brunos. Plötzlich merkte ich, dass mir sehr kalt wurde. Ich habe es damals und kann es heute nur so beschreiben, dass ich das Gefühl hatte, als säße ich mitten in einem Schneehaufen. Wieder brauchte ich einige Zeit, bis mir zum Bewusstsein kam, was sich jetzt in diesem Augenblick in meinem Körper vollzieht, was wir heute den spürbaren Strom, den Heilstrom, nennen, und dass dieses Kälteempfinden nur daher rührte, weil dies für die Entzündungen in meinem Körper heilsam war. Nach dem Vortrag ging ich noch immer ganz benommen auf meinen Platz, aber nun wusste ich mit Bestimmtheit, dass bei mir alles einmal ganz gut wird. Nach der Feier wurden mein Mann und ich von Bruno Gröning persönlich aufgefordert, mit nach Stephanskirchen zu kommen, wo wir im kleinen Kreis noch bis tief in die Nacht zusammen waren.

Als es sich allmählich in Rosenheim herumsprach, wie schön diese Weihnachtsfeiern in Anwesenheit von Bruno Gröning sind, meldeten sich immer mehr Menschen, sodass der Gemeinschaftsleiter einen größeren Saal suchte, und so wurden dann die Feiern in Westerndorf St. Peter bei Rosenheim abgehalten. Da waren dann schon andere Vorbereitungen zu treffen, und eifrig waren wir dran, unzählige selbst gebastelte goldene Sterne aus Goldpapier zu kleben für große Christbäume, Tannengebinde für die Tische. Der Gemeinschaftsleiter fertigte für jeden Tisch in diesem großen Saal Pyramiden aus Stanniolkugeln, die mit roten Kerzen besteckt waren. Ich selbst fertigte in einem Jahr eine große Zahl von Rauschgoldengeln an, die an jede Wandbeleuchtung mit Tannengrün angebracht wurden. Es war ein herrlicher Anblick, dieser große Saal mit Christbäumen auf der Bühne, mit dem Tischschmuck und den vielen Kerzen und den Rauschgoldengeln an den Wänden.

Und dann füllte sich allmählich der Saal. Alle aus der Gemeinschaft Rosenheim kamen und noch viele, viele andere Menschen aus der näheren und auch weiteren Umgebung, aus München, aus Tölz – ich kann wirklich nicht alle Städte und Orte aufzählen; es kamen auch Freunde aus Österreich und aus Italien. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt, und dann warteten wir. Oft Stunden, denn Sie müssen sich vorstellen, Bruno Gröning besuchte in all den Jahren alle Gemeinschaften persönlich, im hohen Norden, in Mitteldeutschland und in Österreich, in diesen paar Wochen in der Adventszeit und machte sogar noch viele Besuche bei Menschen, die ihn darum baten, weil sie selbst nicht an einer Weihnachtsfeier in einer Gemeinschaft, meist durch körperliche Behinderung, teilnehmen konnten. Diese Wartezeit auf unsern großen Freund wurde ausgefüllt mit guten Schallplatten, mit Belehrungen, die der Gemeinschaftsleiter gab, denn es waren auch viele Neulinge darunter, die noch nicht wussten, was nötig ist, um all das Gute, Göttliche empfangen zu können, damit das Übel im Körper verschwindet. Und dann war es soweit. Bruno Gröning kam mit den Vorstandsmitgliedern des Vereins unter den Klängen des „Halleluja“ aus dem Messias von Händel langsam durch den Saal und seine strahlenden blauen Augen erfassten jeden Einzelnen von uns, und es war, als kam mit ihm eine Welle des Glücks über jeden Einzelnen.

Nach der Begrüßungsansprache durch den Gemeinschaftsleiter wurde wieder eine Platte mit Weihnachtsliedern aufgelegt. Es sprachen dann auch noch andere Vorstandsmitglieder, und inzwischen zündete Bruno Gröning die Kerzen an seinem Platz an, und von dieser brennenden Kerze wurden dann alle andern unzähligen Kerzen auf den Tischen und an den Bäumen auf der Bühne entzündet. Einmal wurde uns von einem Freund ein Gedicht von einer Flüchtlingsfrau übermittelt, und da es der Gemeinschaftsleiter passend für die Weihnachtsfeier fand, trug ich es vor. Da dieses Gedicht damals allgemein so gut gefiel, will ich dieses Gedicht heute in diesem Bericht wiederholen:

„Das Himmelstelefon“

Ich weiß nicht, hörtest du es schon,
Das vom Himmelstelefon?

Nun, so höre nur gut zu,
Dann begreifst du es im Nu!

Es führt von jedem ohne Vorbereitung,
Direkt vom Himmel eine Leitung.

Der Apparat ist an dein Kämmerlein gestellt,
Gehst du in die Knie, hat es im Himmel schon geschellt.

Kaum ist der Ruf dort angekommen,
Wird schon der Hörer abgenommen.

Dann kannst du vorbringen deine Bitte.
„Fasse dich kurz!“ kennt man dort nicht.

Man weiß dort oben auch ganz bestimmt,
wer hier unten den Hörer abnimmt.

Du brauchst dich auch nicht zu verstellen,
Sondern brauchst einfach nur zu schellen

Und dann, ich glaube, du weißt es jetzt,
Tönt dir nie entgegen: „Leitung besetzt!“

Oder gar, wie in irdischen Stunden,
Ruft man dir zu: „Falsch verbunden.“

Nein, so was gibt es hier nicht,
Darum, weil ein Kind mit dem Vater spricht.

Und sollte sich je, trotz eifrigem Schellen,
Doch keine Verbindung herstellen,

Bleibt dauernd oder teilweise die Leitung tot,
Was hilft dir dann in deiner Not?

Die Leitung ist bestimmt ganz tadellos –
An deinem Apparat, da liegt es bloß.

Vielleicht sind durch Unglaube die Drähte verstaubt
Oder der Hörer entzwei, weil du nicht geglaubt?

Oder dass ein Schräubchen sich gelockert hat,
Weil im Herzen du wurdest müde und matt?

Es kann auch sein, dass die Klingel bockte,
Weil dir grad’ die Welt winkte und lockte,

Und weil du ein ganz klein wenig
Untreu gewesen bist, deinem König!?

Alles das ist Grund genug,
Dass im Himmel nicht die Klingel anschlug.

Bring es nur schnell in Ordnung dann,
Und ruf’ einfach nochmals an!

Nimm doch recht oft den Hörer zur Hand,
Besonders wenn du dich sehnst nach dem Heimatland.

Vergesse nicht, dass du jeden Tag sollst danken
Für Hilf’ und Verbindung, die du durftest erlangen!

Sehn’n Sie, meine lieben Freunde, gerade diese kindliche Einfalt, die aus diesen Zeilen spricht, ist es, was damals den Freunden so gut gefallen hat, und ich bin inzwischen schon manches Mal danach gefragt worden, und aus diesem Verlangen einiger Freunde habe ich es heute wiederholt.

Manche solche kleine Einlagen wurden von Freunden gegeben und zwischendurch immer wieder unsere schönen deutschen Weihnachtslieder auf Schallplatten gespielt, bis dann der große Augenblick kam und Bruno Gröning die Bühne betrat und uns einen Vortrag hielt. Während solch einem Vortrag war lautlose Stille in dem großen Saal, und jeder der Anwesenden fühlte sich ganz speziell von ihm angesprochen, so als sehe er einem auf den Grund der Seele und seine Worte gelten ganz allein nur mir. Einige sah ich still vor sich hin weinen, das waren aber nicht Kummertränen, sondern die Seele befreite sich durch das Weinen von schlimmen Erlebnissen der letzten Zeit; denn ausnahmslos war der ganze Saal voll von strahlenden, glücklichen Menschen nach so einem Vortrag, und ich bin überzeugt, es vollzog sich in einem Jeden das, wonach er verlangte und darum bat. Herrlich waren diese Stunden. Bruno Gröning erklärte uns vor allem, was die Geburt Christi für jeden Einzelnen von uns bedeutet; er machte darauf aufmerksam, dass gerade über diesem Fest die Gnade, das Wohlwollen Gottes über auf die ganze Menschheit waltet, und ich erinnere mich, dass er einmal ganz spontan fragte: „Wer kann die Strophen des Liedes ,Stille Nacht, heilige Nacht? auswendig ohne die Melodie sprechen?“ Ich bin ganz ehrlich, ich habe mich nicht gemeldet, weil ich mir nicht sicher war, dass ich es gekonnt hätte. Diese tragenden Klänge dieses Liedes sind uns von Kindheit vertraut, und wenn wir bedenken, dass gerade Text und Melodie von zwei einfachen Männern stammen, und nun wird es auf der ganzen Welt in allen Sprachen gesungen. Unser Freund wusste bestimmt, was gerade in diesem Lied an Innigkeit und Liebe klingt und welcher Segen darauf liegt, ein Segen, der nicht nur deutsch sprechenden Menschen gilt, sondern allen Menschen auf dieser Erde. Damals stand ein Freund auf, ich sehe es noch wie heut, der Hauptlehrer Preußler aus der Rosenheimer Gemeinschaft, und sprach fließend den Text des Liedes, so wie es Bruno gewünscht hat, und diese Erinnerung gibt mir den Anstoß, dass Ich jetzt in diesem Augenblick das Gleiche tue, und ich bitte Sie alle, diesen Text des herrlichen Liedes Wort für Wort in sich aufzunehmen und zu sprechen:

Stille Nacht, heilige Nacht!
Alles schläft, einsam wacht
Nur das traute, hochheilige Paar.
Holder Knabe im lockigen Haar,
Schlaf in himmlischer Ruh!

Stille Nacht, heilige Nacht!
Hirten erst kundgemacht;
Durch der Engel Halleluja
Tönt es laut von fern und nah:
Christ der Retter ist da!

Stille Nacht, heilige Nacht!
Gottes Sohn, o wie lacht
Lieb’ aus Deinem göttlichen Mund,
Da uns schlägt die rettende Stund,
Christ, in Deiner Geburt!

Stille Nacht, heilige Nacht,
Die der Welt Heil gebracht
Aus des Himmels goldenen Höh’n
Uns der Gnaden Fülle lässt seh’n,
Jesus in Menschengestalt!

Bruno Gröning wollte bestimmt uns darauf aufmerksam machen, dass jedes Wort dieses Liedes so viel für uns Menschen bedeutet, dass wir es andächtig, wie ein Gebet singen sollen, nicht durch die oftmalige, jährliche Wiederholung nur die schöne einschmeichelnde Melodie erklingen lassen sollen! Was er uns in seinen Weihnachtsvorträgen gab, konnten wir sicher alle schon durch die Tonbänder erfahren, aber eines ist gewiss, dass wir damals wie heute aus einer Weihnachtsfeier in unserem Kreis so viel Kraft, so viel Gutes mitbekamen und noch heute bekommen und dass wir mit dem Licht und dem Tannenzweiglein aus der Weihnachtsfeier die Weihe dieser Stunde mit in unser Heim nehmen und dann am Heiligen Abend das gleiche Glücksempfinden wieder aufleben lassen und alle, die dann um uns sind, daran teilhaben.

Es liegt ein Wunderbares über der Helligen Nacht!

Quelle:
Archiv Bruno Gröning Stiftung