Rückblick und Vorschau

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Alfred Hosp, Januar/Februar 1962
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Immer, wenn ein neues Jahr beginnt, ist man geneigt, das soeben zu Ende gegangene nochmals zu überblicken, um sich darüber klar zu werden, was es uns brachte oder vorenthielt, was wir leisteten oder versäumten! In materieller Hinsicht genügt meist der Abschnitt eines Jahres, um die gewonnene Erfahrung in Zukunft anzuwenden. Wollen wir uns jedoch über den seelisch-geistigen Fortschritt, über die gesammelten Erkenntnisse und Überzeugungen ein Bild machen, so ist es notwendig, mehrere Jahre, ja sogar Jahrzehnte zu überblicken. Erst dann sind wir in der Lage, zu erkennen, wie war meine Einstellung früher, wie ist sie jetzt und vor allem, wodurch konnte ich die Anforderungen und Prüfungen des Lebens am besten meistern?

Wenn nicht tief greifende Erlebnisse den Menschen zur Einkehr und Besinnung zwingen, dann nimmt er sein Leben als etwas Selbstverständliches hin. Der zweite Weltkrieg war ein solches entscheidendes Ereignis, das die Menschen aufwühlte und aus ihren Gewohnheiten riss. Kaum eine Familie blieb verschont, und Krankheit und Tod zeigten die Ohnmacht des Menschen gegenüber den Gewalten, die er entfesselt hatte. Die Wunden waren nicht so rasch wieder zu heilen, der Verlust an Gut und Heimat und vor allem von lieben Angehörigen nicht zu ersetzen, und das quälte die Menschen und ließ sie nach dem Sinne des Daseins und ihres eigenen Lebens suchen.

In dieser schweren Nachkriegszeit, vor fast 13 Jahren, im März 1949, wurde die Menschheit plötzlich auf einen bisher völlig unbekannten Mann aufmerksam, der in klaren Worten den Weg aus seelischer Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit zeigte. Es war Bruno Gröning, der, in Danzig geboren, das Los der Heimatvertriebenen kannte und um die Not wusste, in der sich die Menschen befanden. Er besaß die Fähigkeit, seine Zuhörer davon zu überzeugen, dass es dringend notwendig sei, die Verbindung zu Gott wieder aufzunehmen. In eindringlichen Worten mahnte er zur Umkehr von dem bisher beschrittenen Weg, der rein materialistischen Einstellung. Er zeigte an Beispielen, wie der Mensch als göttliches Geschöpf vom Bösen ablassen muss und nur im Lebenskampf bestehen kann, wenn er die geistigen Kräfte in sich erweckt und zur Entfaltung bringt. Dass viele Tausende, die in Herford und Rosenheim seinen Ansprachen gefolgt, in ihrem Innersten berührt und aufgerüttelt, gleichzeitig auch die körperliche Ordnung erlangten, war nur die natürliche Folge ihrer geistigen Wandlung. Es beweist gleichzeitig die Richtigkeit von Bruno Grönings Ausspruch: „Der Geist bestimmt die Materie.“

Um nun beurteilen zu können, welche Bedeutung diese Lehre für uns alle hat, will ich das Wichtigste herausheben und unsere frühere Meinung mit unserer heutigen Überzeugung vergleichen.

Nach unvoreingenommener und sachlicher Überprüfung unserer ehemaligen Einstellung geistigen Dingen gegenüber, müssen wir zugeben, dass wir ihnen nicht diese Bedeutung zukommen ließen, wie es notwendig gewesen wäre. Obwohl wir an die Existenz Gottes glaubten, erschien uns dieses Überwesen so mächtig und so weit entfernt, dass wir nur schwer an eine direkte Verbindung zu IHM glauben konnten. Wie oft schlichen sich während des Gebetes Gedanken ein, wie z. B.: „Wird Gott mich erhören? Wird ER mir die Bitte gewähren? Kann ER mir überhaupt helfen oder muss ich ein vorbestimmtes, unerbittliches Schicksal ertragen?“ Und weiter gingen die Überlegungen: „Was werde ich noch alles erdulden müssen? Was für Prüfungen und Krankheiten wird mir Gott noch schicken, damit meine Seele endlich gefügig wird?!“

Das waren keine zuversichtlichen Gebete, keine Zwiesprachen mit Gott, die Kraft spendeten. Es handelte sich eher um Verzweiflungsschreie, ohne Hoffnung auf Besserung, lag doch schon die Resignation in ihnen: „Es wird sich ja sowieso nichts ändern, ich muss mich eben mit meinem Schicksal abfinden!“ Und wenn dann wirklich alles beim Alten blieb, triumphierten wir beinahe: „Ich hab's ja gewusst, dass mir nichts mehr helfen kann.“

Was war nun die Folge einer solchen Einstellung? Unser Glaube stumpfte mehr und mehr ab und jener Gott, der nie Antwort gab, dessen Wirken wir nicht fühlten, rückte immer weiter weg. Kam nicht für jeden von uns der Augenblick, in dem er sich in seinem Innersten fragte, ohne es sich recht eingestehen zu wollen: „Ja, gibt es denn in diesem Dasein voll Widerwärtigkeiten und Sorgen überhaupt einen helfenden Gott? Warum bin ich denn gerade auf diesen Platz gestellt und wozu soll all das, was ich erlebe, gut sein? Vor allem aber, warum erschuf mich eine Gottheit, die sich dann nicht mehr um mich kümmert? Wozu lebe ich überhaupt?“ Dass eine solche Anschauung unweit vom totalen seelischen und körperlichen Zusammenbruch entfernt ist, brauche ich wohl nicht mehr zu erwähnen.

Da hatten viele von uns das Glück, Bruno Gröning kennen zu lernen und seine einfachen Erklärungen rissen den Schleier vom geheimnisvollen Kreis des Verhängnisses.

Er sagte: „Gott ist das Leben, und die Ordnung im lebenden Organismus ist göttlich.“ Und im selben Augenblick, da wir das Leben um uns und das Pulsieren in uns als das Wirken einer großen Kraft erkannten und fühlten, war die frühere, unendlich scheinende Entfernung zwischen Gott und uns überwunden.

Bruno Gröning sagte weiter: „Der Mensch handelt nach seinem Willen. Wie der Wille, so der Gedanke.“ und gab uns damit den Schlüssel zum seelisch-geistigen Frieden.

Oft bekamen wir in den vergangenen Jahren den Beweis für die Richtigkeit dieser Worte. Immer wieder durften und können wir erkennen, dass nur unser unbeirrbarer Wille nötig ist, um gute, nutzbringende Gedanken und Ideen zu empfangen. Angst und Zweifel sind nichts anderes als Wankelmut. Wo aber keine feste Überzeugung, da auch kein Wille, und wo kein Wille, dort gibt es auch keine geordneten Gedanken. Wenn sich der Mensch selbst aufgibt, wird er zum Spielball seiner Empfindungen. Somit ist die Ursache jeder geistigen Unsicherheit er, der Mensch selbst.

Und ferner sagte Bruno Gröning: „Der Gedanke bewegt den Menschen zur Tat.“ Welch große, welch ungeheure, verantwortungsvolle Erkenntnis! Die Gedanken, die unaufhörlich durch unser Bewusstsein fließen, sind der Ursprung jeder unserer Reaktionen und Handlungen. Haben wir gute, positive Gedanken aufgenommen, so sind auch unsere Taten gut. Und die Folgen dieser Taten werden uns wieder angenehme, positive Dinge bringen. Leben wir aber in Verzweiflung und Unsicherheit, so sind unsere Handlungen ungeschickt und ungeordnet. Wir erreichen immer das Gegenteil von dem, was wir erhofften und der Kreis des Verhängnisses hat sich geschlossen.

Bruno Gröning sagte weiter: „Willst du das Göttliche erleben, musst du danach streben!“ Und er gab dazu noch eine sehr eindrucksvolle Erklärung: „Wenn Sie mit jemanden telefonisch sprechen wollen, so wählen Sie zunächst seine Nummer, und sobald die Verbindung hergestellt ist, müssen Sie selbst schweigen, um hören zu können, was der andere sagt. Sie wollen also das, was über die telefonische Leitung zurückkommt, empfangen. Vor allem aber müssen Sie dabei still und aufmerksam sein, sonst verstehen Sie nicht, was der andere sagt. So verhält es sich auch mit dem Gebet: Zuerst rufen Sie Gott, indem Sie Ihre Gedanken auf IHN richten. Dann tragen Sie Ihr Anliegen vor. Zuletzt aber kommt das Wichtigste, was die meisten Menschen nicht mehr tun: Sie müssen in Ruhe und ohne zu zweifeln das empfangen, was Gott Ihnen sendet. Sie sollen die Kraft in sich aufnehmen, jene göttliche Kraft die nötig ist, um die Ordnung im Körper herzustellen. Jeder Mensch verbraucht im Laufe des Tages, während der Arbeit im Beruf, ja schon allein durch den Ablauf der Lebensfunktionen, Energien, die er aus der Nahrung allein nicht decken kann. So fühlt er sich stets müde und nervös und baut seinen Körper schließlich immer mehr und mehr ab. Sie sollten endlich erkennen, dass der Schöpfer des Lebens niemals ein Leiden schickt, denn Krankheit ist Unordnung und sie kommt nur zustande, wenn sich der Mensch von Gott abwendet, wenn er nicht genügend Energien aufnimmt und dadurch seine körperliche Widerstandskraft soweit schwächt, dass die Unordnung, das Böse, eindringen kann.

Wenn Sie, liebe Freunde, beteuern: ,Ich will ja das Gute, ich will den göttlichen Weg gehen‘, so kann ich Ihnen nur antworten: Tun Sie es! Halten Sie immer die Verbindung zu Gott aufrecht und beten Sie nicht nur dann, wenn Sie glauben, nicht mehr weiter zu können. Dann werden Sie nie mehr in eine seelische oder körperliche Bedrängnis kommen, denn nicht Gott entfernt sich vom Menschen, der Mensch hat sich im Laufe seiner Geschichte allmählich die Verbindung zu Gott abgeschnitten. Somit trägt er allein die Schuld an seiner verzweifelten Lage und kann sich nur selbst wieder aus ihr befreien, wenn er sein Unrecht erkennt, bereut und auf dem falschen Weg umkehrt, um den göttlichen Weg zu gehen.“

Fast zehn Jahre sagte Bruno Gröning diese grundlegenden Wahrheiten seinen zahlreichen Freunden. Dann verließ er unsere sichtbare Welt und es war für alle ein großer Verlust. Sein bescheidenes, gütiges Wesen, seine Geduld und große Hilfsbereitschaft allen leidenden Menschen gegenüber wird uns immer Vorbild sein.

Es folgte nun für uns die Zeit der Bewährung. Wir mussten beweisen, ob wir von der Lehre so viel beherzigt haben, dass uns nichts mehr von diesem Weg der Erkenntnis, vom Weg des bewussten Lebens abbringen kann. Wer bis jetzt die Worte Bruno Grönings in die Tat umgesetzt hat, konnte sich immer wieder von ihrer Wahrheit überzeugen. Und bereits jetzt, drei Jahre nach seinem Heimgang, lässt sich feststellen: Die Lehre Bruno Grönings war und ist nötig, nicht nur für uns, seine Freunde, sondern für die gesamte Menschheit. Wie die dauernden politischen Spannungen sowie die Furcht vor einem der grauenhaftesten Kriege beweisen, genügen die Konjunktur und der hohe Lebensstandard nicht, um die Menschen sorglos und glücklich zu machen. Die seelische Ausgeglichenheit und Zufriedenheit lässt sich nur durch die Erkenntnis des Lebenszweckes und der geistigen Zusammenhänge im Dasein der Menschen erreichen. Für uns, die wir dies gelernt haben, besitzt die Zukunft keinen Schrecken. Wir wissen, dass das Kommende vom Gegenwärtigen geformt und bestimmt wird. Wir wissen aber auch, dass selbst der Verlust unseres Körpers noch lange nicht das Ende bedeutet, denn der Mensch als Persönlichkeit ist geistig und Geist lässt sich durch nichts, nicht einmal durch Radioaktivität, vernichten. Welche Verhältnisse der Geist aber nach dem leiblichen Tode in der anderen Welt vorfindet, das hängt einzig und allein von seinen Taten während des irdischen Lebens ab.

Wir haben gesehen, liebe Freunde, wie der Mensch unter Befolgung der Lebensgesetze, in der Allmacht Gottes geborgen leben kann. Wir sollten uns vornehmen, in Zukunft möglichst vielen unseren Mitmenschen zu helfen, damit auch sie diese Erkenntnis erlangen und befolgen können. Das sind wir unserem gütigen Freund und Helfer schuldig. Er hat für uns alles geopfert. Frage sich jeder von uns im Stillen: „Was tue ich?“

 

Quelle:
Verein zur Förderung seelisch-geistiger und natürlicher Lebensgrundlagen (Hrsg.): Mitteilungsblatt (in Österreich: Klagenfurt, in Deutschland: Hameln/Weser 1962), Nr. 1/2, 5. Jg., S. 2-3; Archiv des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e. V. Freiburg i. Br., Bestand: 20/16, Signatur: 004,a