Vernehmung Bruno Grönings durch die Staatsanwaltschaft Stuttgart am 6.9.1955

Stuttgart, 6.9.1955

Text (PDF)

Hinweis

Im Rahmen des „Großen Prozesses“ gegen Bruno Gröning, der mit der Einreichung der Anklageschrift durch die Staatsanwaltschaft München am 4.3.1955 seinen Beginn nahm, wurde Bruno Gröning, der damals seinen Wohnsitz in Plochingen hatte, am 6.9.1955 durch die Staatsanwaltschaft Stuttgart vernommen.

Die Schreibweise wurde an die Richtlinien der aktuellen Rechtschreibung angepasst.

 Staatsanwaltschaft
16 Js. 987/55

Anwesend:
Staatsanwalt Weber
Justizangestellte Etzel

 Niederschrift

Auf Ladung erscheint
Herr Bruno Gröning.

Herr Gröning ist begleitet von Herrn Direktor Weisser. Herrn Weisser wird die Anwesenheit bei der Vernehmung gestattet.

Herr Gröning erklärt zur Sache:

Die Fähigkeit andern Menschen zu helfen, habe ich schon in frühester Jugend bei mir empfunden. Verwandte und Bekannte, die in Nöten waren, haben mich damals schon öfters aufgesucht und um Rat gefragt und habe sie dann getröstet und meinen Einfluss aufgeboten, damit sie das taten, was ich für richtig hielt. Ich habe das Zimmermannshandwerk erlernt und diesen Beruf ausgeübt. Oftmals kam es vor, dass beispielsweise Arbeitskameraden, die über Beschwerde geklagt haben, an mich herangetreten sind und mir die Beschwerden geschildert haben. Ich habe dann zu ihnen gesprochen und ihnen vermittelt, wie sie mit ihren Beschwerden fertig werden konnten.

Im Jahre 1928 heiratete ich das erste Mal. Diese Ehe wurde im Mai 1955 geschieden (Landgericht Marburg). Ich habe in der Folgezeit in Danzig nicht nur als Zimmermann gearbeitet, sondern auch als Tischler, Maler und Schlosser. Zeitweilig arbeitete ich auch bei der Firma Siemens und bei der Post. Es war mir auch ein Anliegen, meinen Mitmenschen in einigen Fällen in Rechtsangelegenheiten beizustehen. Zum Nationalsozialismus hatte ich keine Berührungspunkte. Ich wurde einmal kurz in die NSBO[1] aufgenommen. Wegen meiner Ansichten wurde ich darauf aber wieder nach kurzer Zeit entlassen. 1943 wurde ich zur Wehrmacht eingezogen.

Wegen meiner Auffassungen kam es zu Reibungen. Es wurde mir z. B. auch das Kriegsgericht in Aussicht gestellt, ich kam aber schließlich an die Front. Ich hatte die Äußerung getan, „ob Ihr mich an die Front stellt, oder nicht, ich erschieße doch keinen Menschen, das kann ich nicht.“ Nach dem Zusammenbruch geriet ich in russische Gefangenschaft, die neun Monate dauerte (ab März 1945). In dem in Russland gelegenen Lager habe ich mich in jeder Weise für die gefangenen Kameraden eingesetzt. Ich war als „Rebell“ bekannt, weil ich mich insbesondere dafür einsetzte, dass unsere gefangenen Landser wenigstens wie Vieh behandelt werden sollten, denn die Behandlung damals war noch weit schlechter. U. a. bin ich bei der russischen Lageraufsicht dadurch bekannt geworden, dass ich einmal einen Brief an Stalin geschrieben habe, in dem ich die Zustände schilderte.

Einmal wurde ich mit dem Erschießen bedroht, weil ich unbefugterweise ein Magazin mit Bekleidungs- und Ausrüstungsgegenständen für die Landser habe offen lassen, um diese besser auszurüsten.

Schließlich wurde ich Ende 1945 entlassen, Ich begab mich nach Hessen und habe dort geholfen, das Vertriebenenhilfswerk aufzubauen. Ich gehörte auch einer Wohnungskommission an. Bei Freunden und Bekannten wohnte und lebte ich. Wieder gelang es mir, Leidenden und Kranken zu helfen. (Ich möchte lieber sagen „Geordneten und Ungeordneten zu helfen.“) Ich meine mit dem Ausdruck „Ungeordnete“ solche, bei denen der ganze Mensch oder auch der Körper nicht in der natürlichen Ordnung war.

Im März 1949 verweilte ich bei Familie Hülsmann in Herford, Wilhelmsplatz 7. Damals kam es zu den ersten öffentlichen Auftritten.

Ich wurde als „Wunderdoktor“ ohne mein Zutun und ohne meine Absicht und meinen Willen angesehen. Es kam zu Versammlungen, Demonstrationen und zu einem Sturm auf das Rathaus (in meiner Abwesenheit).

Als ich mich entfernte, bat mich sogar die Behörde, wieder zu den Massen zu sprechen, weil die Polizei der Lage nicht Herr wurde.

Es folgten dann die bekannten Versuche der „Revue“, mich mit Ärzten zu Experimenten zusammenzubringen. Kranke aus der Universitätsklinik Heidelberg wurden mir zugeführt. Professor Fischer aus Heidelberg (wohnhaft in Marburg) wollte mit mir zusammen Heilstätten schaffen. Wegen der außerordentlichen finanziellen Ansprüchen von Professor Fischer kam es aber nicht zu einer Einigung. Um dem Ansturm des Publikums auszuweichen, folgte ich einer Einladung nach München auf den Traberhof. Dort kam es zu den bekannten, in der Presse geschilderten Auftritten. Ich zog mich nach Rosenheim und dann nach Schwärzenbach zurück und versuchte durch häufigen Ortswechsel mich schließlich ganz der Menge zu entziehen. Seither stellte ich mich nur noch im engeren Kreise den einzelnen Ortsverbänden des Gröning-Bundes zur Verfügung. Mein einziges Anliegen ist es, meinen Zuhörern jeweils seelische Kräfte zu vermitteln bzw. ihre eigenen Antriebe seelischer Art zu stärken, um so in ihr Inneres „Ordnung“ bringen zu können.

Wenn ich von Kranken angegangen werde, so weise ich sie darauf hin, dass sie zu ihren Ärzten Vertrauen haben sollen. Darüber hinaus ist es mir ein Anliegen, die Kirchen mit gläubigen Menschen zu füllen. Darunter verstehe ich Menschen, die selbst den Willen haben zu glauben und deren Religiosität sich nicht in Äußerlichkeiten erschöpft. Meinen großen Lohn sehe ich darin, dass immer wieder Menschen zu mir kommen, die mir bestätigen, dass sie durch mich wieder glauben können.

Auch in Frankreich habe ich einen Freundeskreis. Insbesondere pflege ich mich dort des Öfteren mit Ärzten zu besprechen, mein Wirken dort geht in der gleichen Richtung. Ich will aber ausdrücklich sagen, dass ich meine, dass nicht ich wirke, sondern „es wirkt“. Übrigens habe ich im Jahre 1952 auf Anraten anderer versucht, den sogenannten Heilpraktikerschein zu erwerben, um in jeder Weise frei meine Tätigkeit ausüben zu können. Die Zulassung zur Prüfung ist mir aber damals auf Betreiben des Gesundheitsamtes Stuttgart verweigert worden. – Falls die Staatsanwaltschaft weiteren Aufschluss über meine Tätigkeit wünscht, stelle ich anheim, Herrn Professor Gutbrod, Stuttgart-Nord, Robert-Bosch-Str. 108, Fernsprecher: 9 60 53, zu hören. Herr Professor Gutbrod besucht meine Vorträge und ist bereit, jederzeit Auskunft zu geben. Im übrigen beziehe ich mich auf die Ausführungen, die ich am 12.7.1955 beim Polizeipräsidium Stuttgart gemacht habe.

Ich habe alles beim Diktieren mit angehört und deutlich verstanden.

Ich verzichte auf das Vorlesen.

 

Quelle:

Archiv Bruno Gröning Stiftung



[1] Anmerkung der Bruno Gröning Stiftung: „NSBO“ ist die Abkürzung für „Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation“.