Vortrag bei der dritten Bundestagung des Gröning-Bundes

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Hermann Riedinger, Plochingen, 26.10.1957
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Lieber Herr Gröning, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde!

Es ist kein Zweifel, wir leben in einer Zeit des geistigen Umbruchs von unerhörtem Ausmaß. Wir alle, die wir Individuen, selbstständige Menschen geblieben und nicht dem Gesetz der Träge und der Vermassung gefolgt und strebend nach oben bemüht geblieben sind, wir spüren und wissen das. Ja, es spüren und wissen es sehr wohl viele Menschen unserer Zeit. Sie ahnen, dass sie auf dem falschen Wege sind, aber sie finden aus dem Strudel des modernen Lebens, diesem circulus vitiosus, nicht heraus. Sie haben z. T. nicht die Kraft dazu, z. T. aber auch gar nicht mehr den Willen, mit den ihnen lieb gewordenen schlechten Gewohnheiten zu brechen.

Die meisten unserer Zeitgenossen sind das Opfer der "organisierten Gedankenlosigkeit" geworden, wie Albert Schweitzer eine der Hauptursachen der geistigen Not unserer Tage nennt. Albert Schweitzer sagt:

"Sein ganzes Leben hindurch ist der heutige Mensch also der Einwirkung von Einflüssen ausgesetzt, die ihm das Vertrauen in das eigene Denken nehmen wollen. Der Geist der geistigen Unselbstständigkeit, dem er sich ergeben soll, ist in allem, was er hört und liest; er ist in den Menschen, mit denen er zusammenkommt; er ist in den Parteien und Vereinen, die ihn mit Beschlag belegt haben; er ist in den Verhältnissen, in denen er lebt. Von allen Seiten und auf die mannigfachste Weise wird auf ihn eingewirkt, dass er die Wahrheiten und Überzeugungen, deren er zum Leben bedarf, von den Genossenschaften, die Rechte auf ihn haben, entgegennehme. Der Geist der Zeit lässt ihn nicht zu sich selber kommen. Wie durch die Lichtreklamen, die in den Straßen der Großstadt aufflammen, eine Gesellschaft, die kapitalkräftig genug ist, um sich durchzusetzen, auf Schritt und Tritt Zwang auf ihn ausübt, dass er sich für ihre Schuhwichse oder ihre Suppenwürfel entscheide, so werden ihm fort und fort Überzeugungen aufgedrängt. Durch den Geist der Zeit wird der heutige Mensch also zum Skeptizismus in Bezug auf das eigene Denken angehalten, damit er für autoritative Wahrheit empfänglich werde. Dieser stetigen Beeinflussung kann er nicht den erforderlichen Widerstand leisten, weil er ein überbeschäftigtes, ungesammeltes, zerstreutes Wesen ist. Überdies wirkt die vielfache materielle Unfreiheit, die sein Los ist, in der Art auf seine Mentalität ein, dass er zuletzt auch den Anspruch auf eigene Gedanken nicht mehr aufrechterhalten zu können glaubt."

Die wahre Ursache der geistigen Not unserer Zeit ist die Vergottung der Erfolge des Intellekts und der Güter dieser Erde und die Entfernung der Menschheit aus den Bezirken des Religiösen und Ewigen.

Die philosophischen Lehren der letzten hundert Jahre galten in der Hauptsache dem Materialismus. Sie brachten daher eine maßlose Überschätzung der Erfolge des von den Naturphilosophen des 17. und 18. Jahrhunderts, insbesondere von Baco[1] und Descartes begründeten induktiven Forschungsweges mit sich, sodass die heutige Menschheit in unglaublicher Vermessenheit, den Griff nach den Sternen wagt. Die Massen haben sich emanzipiert aus der Führung der wurzelhaften, erhaltenden und bleibenden Kräfte der Menschheit. Sie erwarten sich allesamt das Heil aus den materiellen Gütern. Die Perlen der geistigen Errungenschaften werden verschleudert, ohne dass sie von den Empfängern erworben worden wären und deshalb als echter Besitz entsprechend gewertet werden könnten.

Überall herrscht Überzüchtung, Trieb und Treiben und künstliche Düngung in der geistigen und physischen Ebene des Lebens und damit Vergiftung; und nirgends bleibt die Möglichkeit, die Muße und die Zeit für eine organische Entwicklung, vergessen ist die Kunst des Wartens auf den Vorgang der Reife. Nicht mehr Einkehr und Sammlung zur Erkennung des eigenen Lebensgeheimnisses ist Devise, sondern Spaltung und Zerstreuung. Kein Suchen nach der Erkenntnis des Letzten, kein Erlangen, sondern brutales Fordern und Verlangen.

Meine lieben Freunde, meine sehr verehrten Damen und Herren!

Man braucht keine großen wissenschaftlichen Untersuchungen anzustellen über den Geist unserer Zeit oder, um mit Goethe zu sprechen, "der Herren eigener Geist ist in dem die Zeiten sich bespiegeln." Nur allzu sehr drängt er sich einem auf, wenn man nur die Tageszeitungen und die illustrierten Blätter aufschlägt: Da wird täglich wirtschaftspolitisch gefordert und verlangt, und niemand spricht vom Opfer, da wird täglich formal Recht gesetzt und Recht gesprochen und dabei dem Geiste der Wahrheit und Gerechtigkeit gegenüber so oft gesündigt. Da lesen wir täglich von Exzessen und Morden, von Raub, Plünderung und Diebstahl und der Großteil der Menschen beklagt dies – ist aber andererseits aber auch gar nicht ernstlich gewillt, die Grundlagen und den segensreichen Boden für eine Wandlung zum Guten zu schaffen. Die Mehrheit der Menschen ist, wie ich schon sagte, dem Wahn des Wettlaufs um den Mammon und des Tanzes um das goldne Kalb verfallen. Die meisten unserer Zeitgenossen sind fanatisiert von dem Zauberwort "Lebensstandard", und Unzählige opfern diesem "lauten Markt des Mommus"[2] das Glück der Familie. Mann und Frau stellen sich ans Fließband, nicht um des Lebens willen, sondern um des Kitzels der Mode, um des Molochs Benzin oder der vielen anderen Zeitgifte wegen. Das weise Wort unseres Christian Fürchtegott Gellert:

"Genieße, was dir Gott beschieden, entbehre gern, was du nicht hast. Ein jeder Stand hat seinen Frieden, ein jeder Stand hat seine Last."

Dieses Wort ist in unserer Zeit des Anspruches und des Forderns nicht mehr gültig, und doch wäre seine Beherzigung so bitter nötig.

Denn ohne die Nestwärme des von einer häuslichen, liebenden und sorgenden Mutter betreuten Heimes muss nun ein großer Teil der Jugend heranwachsen auf der Straße oder bestenfalls in Heimen. Aber selbst das beste Heim als beste Kaserne kann ja nie die Kinderstube im Elternhaus ersetzen, nie den Strom der Liebe, Wärme und Geborgenheit vermitteln, der aus dem Mutterherzen kommt. Dabei ist Mutter und Hausfrau sein doch für die Frau der echteste und vollkommenste Beruf. Aber man kann ihn nur ganz und nicht in den Gefechtspausen ausüben. Und aus all diesen unguten Zuständen wächst die geistige Wirrnis in den Kinderherzen, die viele verkommen und manche gar zu Räubern und Mördern werden lässt, wie wir es täglich in den Zeitungen lesen müssen. Die Zerschlagung des Autoritätsgedankens durch die politischen Kräfte, insbesondere der letzten Jahrzehnte, die bewusste Züchtung einer Überschätzung der Jugend und ihrer Kräfte gegenüber der Reife und Weisheit des Alters hat ursächlich Teil an dieser Not. In Wirklichkeit haben alle die großen, zur Führung der Massen berufenen Gemeinschaften gegenüber den Kräften des Materialismus versagt. Sie dienen schon lange nicht mehr der Idee, deren Namen sie tragen, ihre Organisation ist Selbstzweck geworden.

Diese Zeichen, die ungeheuren leiblichen Nöte und das unsagbare seelische Elend der Menschen unserer Zeit finden ihr Beispiel in dem geistigen Wesen der großen Umbruchszeiten in der Geschichte der Menschheit.

Man mag in die Blätter der Geschichte greifen, wo immer, bei welchen Völkern und Kulturkreisen man mag; alle Male, wenn die Menschen aus der harmonischen Mitte ihres Lebensprinzips geschleudert waren und babylonische Sprachverwirrung und der Tanz um das goldne Kalb begonnen hatte, da erschienen auch immer Mahner und Rufer zur Ordnung, zur Mitte hin. Und alle wurden sie immer nur von wenigen gehört – "denn Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen". Wir kennen Goethes Wort, wonach die Bringer des Lichtes von je gekreuzigt und verbrannt wurden.

So erging es Sokrates, der am Ende den Schierlingsbecher nehmen musste, und ein knappes halbes Jahrtausend später erlitt Christus den Kreuzestod, nachdem er stellvertretend für die Menschheit der Stadt Jerusalem zugerufen hatte:

"Oh, dass du es erkennen möchtest in diesen deinen Tagen, was dir zu deinem Heile gereicht."

Und als im ersten Drittel unseres Jahrtausends die grenzenlose Entartung der Führungskräfte des römischen Christentums die gottgesandten Männer der deutschen Mystik auf den Plan rief, als Meister Ekkehard, Suso[3] und. Tauler[4], Paracelsus, Jakob Böhme und die vielen andern großen gleich gestimmten Geister der Mystik das Edelste und den Kern christlicher Religio kündeten und lehrten, da wurden sie nur von wenigen verstanden, vom herrschenden Dogma her verfolgt, geächtet und gebannt. Die großen Religionskämpfe des Spätmittelalters dämmerten schon herauf, und die religiöse Spaltung zeichnete sich schon ab in der inneren Bereitschaft der Herzen zur Kritik an der Sittenlosigkeit, Entartung und Verweltlichung der zur Führung Berufenen. Und als dann mit Luther und den großen Reformatoren und Humanisten nochmals ein großes Rufen an die Seelen drang, da erstickten Ströme von Blut das Sehnen der Menschen nach Reinigung der geistigen Atmosphäre und Verinnerlichung. Die große Chance der Erneuerung der christlichen Idee war dahin, und alle Anstrengungen der besten Kräfte der Mystik waren ins Leere verpufft.

Und wenn wir nun so – meine verehrten Zuhörer – die geistige Situation unserer Zeit ansehen, so möchte einem das Fürchten ankommen. Man meint den zeitgenössischen Menschen in heillosem Übermut und maßloser Überschätzung des eigenen Selbst wie jenen letzten König Babylons ausrufen zu hören: "Jehova, dir künd' ich auf ewig Hohn, ich bin der König von Babylon."

Und zugleich möchte einem scheinen, als ob wie bei jenem Belsazar auch heute die Flammenschrift des Menetekel an der Wand erschienen: "Gezählt, gewogen, geteilt."

"Gezählt sind die Tage deiner Herrschaft, gewogen wurdest du auf der Waage der Gerechtigkeit und zu leicht befunden, und geteilt wird dein Reich und den Medern und Persern gegeben." So, meine sehr verehrten Anwesenden, möchte man die geistige Situation unserer Zeit sehen. Aber so, wie jene Zeiten, von denen ich sprach, ihre Mahner und Rufer zum Guten hatten, so hat nach ewigem Schöpfungsplan auch unsere Zeit ihre Engel, ihre göttlichen Boten, Rufer und Mahner zur großen Umkehr. Und da ist einer in unseren Landen – er ist wie die meisten unserer großen Lehrmeister nicht aus dem Reichtum und der Fülle gekommen – und schon seine Jugend ist vom Geheimnis seiner Sendung umwoben. Und dem Gesetz so manches Großen aus seinem Bezirke folgend, tritt er in reifen Mannesjahren nach dem Erleben außerordentlicher Prüfungen in die Öffentlichkeit.

Und er spricht zu den Mühseligen und Beladenen, zu den Kranken, Gebrechlichen und Verzweifelten. Und er ruft sie alle zur Umkehr auf von ihrem Wege der Überschätzung und Vergötzung der Dinge dieser Welt und fordert von ihnen Glauben und Vertrauen auf den Herrgott, seine Allmacht und seine Güte. Er verlangt den unerschütterlichen und uneingeschränkten Glauben an unsere Gotteskindschaft und an die schöpferische Kraft der Gedanken. "Der Mensch handelt nach seinem Willen, wie der Wille, so der Gedanke; der Gedanke bewegt den Menschen zur Tat." So spricht er. – Nur gute Gedanken sollen sie aufnehmen und ohne jeglichen Vorbehalt an deren Verwirklichung glauben. Das ist das Gesetz, das er ihnen verkündet, das so einfach klingt und doch so schwer zu tun ist.

Helfen, nicht mitleiden soll man. Solche und eine Unzahl anderer Lebenslehren mehr predigt er. Sie, meine lieben Freunde, kennen diese Weisheiten ja alle.

Und wenn dieser Mann nun spricht, dann kommt es bei denen und jenen zum Heil, bei denen nämlich, die bescheiden und gläubigen Herzens auf die Allmacht Gottes bauten.

"Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind." Die wundervollen Heilungen, die als Folge der Rede dieses seltenen Mannes geschahen, führten ihm viele Freunde zu. Viele wurden abtrünnig, alle jene nämlich, die das Heil von ihm allein, also von außen her erwarteten, wo ihnen der göttliche Lebensstrom durch seine Mittlerschaft doch nur dann hätte zufIießen können, wenn in ihnen selbst der seelische Acker vorbereitet gewesen wäre. Die vielen, die blieben und die wie wir hier den Sinn seiner Lehre und das Wesen seiner Sendung erkannt und vielfach selbst das Heil am eigenen Körper erfahren und eine neue Welt- und Lebensanschauung aus der Begegnung mit ihm gewonnen haben, betrachten es nun als sittliche, geradezu religiöse Pflicht, nicht nur selbst im Glauben an die schöpferische Kraft der Gedanken sich zu üben und zu bestärken, sondern auch den vielen Menschenbrüdern, die an der Zeit, d. h. noch an ihrem eigenen Ungeist leiden, zurückzuhelfen zu ihrem göttlichen Wesenskern. Und dieses Helfen und Wirken im Sinne unseres lieben verehrten Lehrmeisters wird zugleich der schönste Dank an ihn bleiben. Und die Aufgabe für uns, seine Freunde und Schüler, soll sein, dass wir mit der göttlichen Fackel seiner Lehre und seines Auftrags das Feuer des Gottstrebens in der eigenen Brust nähren und in die Finsternis der verhärteten Herzen unserer Zeit das Licht begeisterten Gottglaubens und der Liebe zu aller Kreatur hineintragen.

"Sprechen Sie nicht vom Glauben, sondern tun sie es", so sagte Bruno Gröning einmal zu einem Hilfesuchenden. Dieses "Tun" soll unsere Losung fürs neue Jahr im Gröning-Bunde sein. Und in uns und aus uns möge das allerhaltende mütterliche Prinzip der Liebe wirken und weben: "Ein neues Gesetz gebe ich euch, dass ihr einander liebet, wie ich euch geliebet habe." So sprach der große Nazarener. – Und: "Kindlein liebet einander" war der immer wiederkehrende Mahnruf des Evangelisten Johannes an seine Epheser Gemeinde. In dieser Liebe zum Nächsten wollen wir wachsen und stark werden für unsere Aufgabe.

Lassen Sie mich schließen mit dem gleichklingenden begeisterten Vers der allumfassenden Menschen- und Bruderliebe, den uns Friedrich Schiller geschenkt und dem kein Geringerer als Beethoven in seiner 9. Symphonie unsterblichen musikalischen Ausdruck verliehen hat:

"Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuss der ganzen Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
muss ein güt'ger Vater wohnen."[5]

Quelle:
Archiv Bruno Gröning Stiftung



[1] Gemeint ist der englische Philosoph Francis Bacon (1561 – 1626)

[2] Mommus, auch Momos, ist in der griechischen Mythologie der Inbegriff von Tadel und Spott.

[3] Gemeint ist der mittelalterliche Mystiker Heinrich Seuse (1297 – 1366).

[4] Johannes Tauler (1300 – 1361) war ein mittelalterlicher Mystiker.

[5] In Friedrich Schillers "Ode an die Freude" heißt es im Original: "… muss ein lieber Vater wohnen."