Vortrag bei der Morgenfeier anlässlich der zweiten Bundestagung des Gröning-Bundes

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Hermann Riedinger, Plochingen, 3.6.1956
Abschrift (PDF)


Hochverehrter, lieber Meister,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Freunde!

Es ist ein gewagtes Unterfangen, als Vorredner eines Mannes zu wirken, dem die Worte aus dem reichen Quell geistiger Schau zufließen und dem die mystische Kraft des Gleichnisses bei seiner Rede zu Gebote steht.

Wenn ich es trotzdem unternehme, so gerade deshalb, weil ich Ihnen heute zu die-ser Feierstunde den mystischen Charakter des Werkes unseres Lehrmeisters Bruno Gröning aufzeigen möchte.
Mystisch, was heißt denn das, meine lieben Freunde? Dem Worte nach – es kommt aus dem Griechischen – heißt es geheimnisvoll, der Mystik huldigend. Und was ist nun Mystik?

In fast allen Religionen läuft neben der allgemeinen Glaubensform meist noch ein Unterstrom geheimen religiösen Lebens, der der eigentlichen Inbrunst des religiösen Gefühls und Bedürfnisses und dem Kern des offiziellen Glaubens weit näher kommt als die anerkannte, sozusagen amtliche Religion. Deren Ordnung und Regeln sind klar und allgemein festgelegt, und deren Anhänger finden ihre Erfüllung in der mehr oder minder pflichttreuen Befolgung der vorgeschriebenen Formen und Übungen.

Die Mystik ist etwas anderes. Sie sucht den Kern alles Religiösen, das auf engste Gottverbundenheit hinausläuft und danach strebt. Alle Mysterien, alle Mystik wurzeln – wie es ja das Wort schon sagt – in den Geheimnissen des Lebens, und diese liegen für jeden, sei er nun gläubig oder ungläubig, in den unlösbaren Rätseln des Daseins selbst, seiner Entstehung und seines Vergehens, in der Frage nach der Zukunft am Ende dieses körperlichen Daseins und nach der Bindung dieser Körperlichkeit an die Rhythmen der Natur und ihrer gewaltigen Mächte.

Der Sinn der Mystik wurde immer wieder klar in den Zeiten einer Weltwende. Immer, wenn sich die Menschheit aus dem Mittelpunkt der göttlichen Ordnung und des göttlichen Wesens entfernt hatte und in die zerstörenden Wirbel der Peripherie des Lebensrades gekommen war, fanden sich Begnadete, die zur Sammlung in der Mitte der göttlichen Ruhe, die zur Harmonie mit dem Unendlichen aufriefen. Das Wesen der Mystik ist also die dem Lebensgesetz gemäße Ordnung des Lebens. Das bedeutet – um im christlichen Bilde zu bleiben – das Paradies auf Erden, die Harmonie mit dem Göttlichen, die gleiche Schwingung mit dem Kosmos, die Gottnähe. Der Wesensinhalt der Mystik unserer christlichen Zeit ist aus der christlichen Heilslehre zu erfassen. Und das Mittel nun, diesen inneren Sinn der Mystik, diese innere Schau des Mystikers zu vermitteln, verständlich und aufnehmbar zu machen, sind Bilder und Gleichnisse. Erfasst man die Bedeutung und das Wesen dieser Gleichnisse, so erfasst man damit auch den Sinn und das Wesen der Mystik. Dieses Verstehen ist nicht so sehr ein intellektuelles als vielmehr ein körperlich-organisches und intuitives.

Das mystische Bild und Gleichnis muss erlebt werden wie ein Kunstwerk oder wie die Natur. Wer eine Blume verstehen und erleben will, der darf sie nicht zerpflücken, beschreiben und analysieren, sondern muss sie ganz ohne Forschungsabsicht mit allen Sinnen erfassen und das Leben und sein Gesetz in dem Pflanzenwesen erkennen. Auch beim Kunstwerk kann man nicht verstandesgemäß aufnehmen, sondern man muss es, sofern es sich um ein wahres Kunstwerk handelt, mit allen Sinnen und mit jeder Faser seines Wesens erleben und das Lebensgesetz, das dadurch verkündet wird, erkennen.

Im Sinne der Mystik ist das Leben als Schule anzusehen. Die Mystik gibt dabei die Lehre, die uns zeigen soll, wie wir vorwärts schreiten im Bewusstwerden. Vor allem stellt sie die Forderung: Erkenne dich selbst, sei dein eigener Lehrer und Schüler, erziehe dich unablässig, strebe aufwärts in das klarere umfassende Bewusstsein.

Das Ziel der Mystik ist die Vereinigung mit Gott, die „unio mystica“. Ein reines sittli-ches Leben und eine harte Vorbereitung sind die Voraussetzungen hierfür. Aber dieses Ziel will erreicht, will gefunden werden. Also muss man es suchen. Und der im mystischen Sinne suchende Mensch bringt dafür große Opfer und lässt nicht mehr ab, denn er weiß, dass er finden wird. „Suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan“.

Und nun, meine lieben Freunde, wenn ich Ihnen in kurzen Worten das ebenso große wie einfache und darum so schwer erreichbare Problem der Mystik als des Strebens in die Gottesnähe, in die Harmonie mit dem All darzutun versucht habe, so werden Sie immer wieder haben feststellen können, dass alles, was wir in vielen Jahren als Heilslehre Bruno Grönings vernommen haben, im Sinne meiner vorangegangenen Ausführungen mystischen Charakter hat. Wie alle Mystiker, die Großmeister des inneren Lebens, die Kenner des Reiches der Seele, so verkündet auch Bruno Gröning seine Lehre in Gleichnissen und Bildern, auch er spricht aus der inneren Schau, auch er fordert auf, zu suchen, zu erlangen, weil man sein eigenes Geheimnis, das „Erkenne dich selbst“, nicht verlangen kann, sondern es suchen muss, um es zu finden. Auch er will mit seinem Heilertum in seiner Mittlerrolle durch die göttlichen Kräfte nur zum Aufbruch in die unio mystica aufrufen.

Aber es ist nicht die Mystik der Alten, der Upanischaden oder des Buddhismus oder etwa unseres deutschen Mittelalters, wiewohl das Wesen das gleiche geblieben ist. Die Zeiten sind aber längst andere geworden, die Erfordernisse des Lebens haben sich weithin gewandelt, und damit sind auch die Formen und die Forderungen der Mystik andere geworden. Die frühen indischen und die buddhistischen Mystiker zogen als Einsiedler in die Einsamkeit der Wälder und Berge, lösten sich äußerlich und auch innerlich von Besitz und Familie, die Mystiker des Mittelalters waren Mön-che. Für Meister Eckehard, den großen Mystiker des 13. Jahrhunderts, sind Gott und Kreatur sich ausschließende Gegensätze – wo Gott einziehen soll, muss die Kreatur zuvor ausgehen. Wenn auch das Ziel, nämlich die Vereinigung mit Gott, das gleiche geblieben ist, so sind doch für uns die Formen und die Probleme andere. Wir können es uns nicht leisten, uns von der Welt zu lösen und ihr gegenüber passiv zu sein, sondern wir müssen in ihr wirken und uns bewähren, wir müssen also Gott in und trotz der Welt finden. Der praktische Wert der alten und mittelalterlichen Mystik ist für uns deshalb nur ein sehr mäßiger. Der Unterschied liegt in der einfachen Formel: „Gott als Gegensatz zur Welt“ – früher, „Gott in der Welt“ – jetzt. Die neue Mystik, von der ich soeben sprach, war mit dem geschichtlichen Beginn der Neuzeit nicht sofort da, sie ist gewachsen. Reformation und Humanismus taten das ihre, ein Jakob Böhme kämpfte schon in der Welt. Aber deutlich wird diese neue Mystik erst in der Zeit und mit der Person Goethes.

Lassen Sie mich nur einiges Wenige hier zitieren, das diesen Heroen des Geistes in seiner ganzen mystischen Größe und damit zugleich als Wegweiser und Lehrer in unserem Sinne zeigt. Dabei ist dies keine Mystik der Weltferne,der Passivität und des Mitleidens, sondern eine Mystik, die das Geheimnis des eigenen Lebens durch ein klares Befolgen der Aufforderung „Erkenne dich selbst“ und durch kompromisslose Selbstkritik und der daraus nötigen Folgerung zur Lösung zwingt. Keine Passivität, kein Mitleid, sondern hilfreiche Tat: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“.

Wenn Goethe zu seinem Sekretär Eckermann sagt: „Man hat mich immer als einen vom Glück besonders Begünstigten gepriesen, auch will ich mich nicht beklagen und den Gang meines Lebens nicht schelten. Allein im Grunde ist es nichts als Mühe und Arbeit gewesen, und ich kann wohl sagen, dass ich in meinen 75 Jahren keine vier Wochen eigentliches Behagen. gehabt Es war das ewige Wälzen eines Steines, der immer von neuem gehoben sein wollte. Meine .Annalen werden es deutlich machen, was hiermit gesagt ist. Der Ansprüche an meine Tätigkeit, sowohl von außen und von innen waren zu viele.“

Wenn der Olympier also von sich sagen musste, und wenn man bedenkt, dass die-ser Mann schon in seiner Jugend ein schweres Leiden hatte, dann möchte sich dem Unbefangenen die Frage aufdrängen, wie dieser Mensch all diese leiblichen und seelischen Nöte gemeistert hat. Wir wissen es: Durch die Kraft seines gewaltigen Geistes. Und Goethe selbst gibt uns die Antwort auf die Frage in seinen folgenden Versen:

Feiger Gedanken,
bängliches Schwanken,
weibisches Zagen,
ängstliches Klagen,
wendet kein Elend,
Macht dich nicht frei.

Allen Gewalten
zum Trutz sich erhalten,
nimmer sich beugen,
kräftig sich zeigen,
rufet die Arme
der Götter herbei!

Und nun, meine lieben Freunde, wissen wir, was der Sinn der Mystik ist, wie sich die alte Mystik äußerte, was die neue von uns fordert und wie stark mystisch der Wesenskern der Heilslehre Bruno Grönings ist. Und wir wollen dem Herrgott danken für das große Glück, dass wir diesen begnadeten Menschen und Meister des inneren Lebens als Wegbereiter und Weggenossen haben. Bruno Gröning hat uns die Lehre gegeben und den Weg gewiesen. Seien wir deshalb des Wortes aus der Schrift im Johannes 15 eingedenk: „Wenn ich nicht gekommen wäre und hätte es ihnen gesagt, so hätten sie keine Sünde. Nun aber können sie nichts vorwen-den, ihre Sünde zu entschuldigen.“ Ergreifen wir also diese große Chance unseres Lebens und folgen wir ihm auf dem dornenvollen Wege bergauf zur Vereini-gung'mit Gott.

Wenn wir diesen Weg des „Erkenne dich selbst“ und der Gottsuche mit Bruno Grö-ning gehen, wenn wir suchen, dann werden wir finden, und wenn wir anklopfen, so wird uns aufgetan werden. Und dann wird auch uns am Ende unserer Erdentage der Chor jener Engel erklingen, die immer und ewig Faustens Unsterbliches in des Äthers Höhe tragen:

Gerettet ist das edle Glied
der Geisterwelt vom Bösen.
Wer immer strebend sich bemüht,
den können wir erlösen.
Und hat an ihm die Liebe gar
von oben teilgenommen,
begegnet ihm die sel‘ge Schar
mit herzlichem Willkommen!

Quelle:
Archiv Bruno Gröning Stiftung